Besuch auf der Couch. Es ist Sui und ein Fremder, der ihr wohl das Leben gerettet hat. So die Erzählung der beiden. Sie sitzen schon ein paar Minuten beisammen. Da meint Yoru, er würde kurz etwas trinken. Seine Flaschen stehen in seinem Zimmer. In dieses begibt er sich, wo Leafia noch schläft. Doch das Öffnen der Türe lässt sie erwachen. „Oh? Ist es schon wieder Morgen?“ „Ja. Ich muss dich nur vorwarnen. Wir haben Besuch.“ „Wirklich? was für einen?“ „Sui. Sie hat jetzt scheinbar… einen Freund. Zumindest einen Kumpel, glaube ich.“ „O-Okay… Seltsam. Aber danke für die Warnung. Dann ziehe ich mir besser etwas über.“
Er nimmt die Flasche, sie steigt aus dem Bett aus. Erst jetzt, wo die Sonne ins Zimmer scheint, kann er sie richtig erkennen. Sie hat ihre Haare offen. Etwas, was nur selten vorkommt. Da kann er nicht anders, als sie mit leicht geöffnetem Mund anzuschauen. Die Augen größer, als gewöhnlich.“ „Ist etwas?“ fragt sie, gefolgt von einem spöttischen: „Gefällt dir, was du siehst?“ „D-Du bist… wunderschön.“ Da wird sie rot, denn damit hat sie nicht gerechnet, grinst und dankt ihm. „Ich bereite erst einmal etwas zum Frühstücken vor. Hast du irgendeinen speziellen Wunsch?“ Da denkt er nach und meint: „Vielleicht irgendetwas warmes, bei dem kühlen Klima?“ „Eier?“ „Vielleicht.“ „Toast?“ „Oh, ja! Toast wäre nicht schlecht.“ „Dann mache ich ein paar Toasts.“




Zusammen laufen sie zurück zu Sui und dem Fremden. Yoru achtet dabei auf die Reaktion von Leafia um zu sehen, ob auch sie so verblüfft über Suis Wahl ist und tatsächlich hält sie kurz an, als sie die beiden auf der Couch sitzen sieht. Der Fremde pfeift, schaut dann zu Sui und sagt: „Verrückt. Daher hast du also das gute Aussehen.“ Diese schmollt kurz, woraufhin er meint: „Du siehst allerdings noch besser aus. Keine Sorge.“ Da grinst sie wieder. Derweil begibt sich Leafia in die Küche und Yoru begleitet sie. „Wollt ihr auch etwas Frühstücken?“ „Oh? Gerne doch“ meint der Besuch. Insgesamt werden acht Toast vorbereitet. Alle mit dem selben Grundinhalt und leichten Variationen. Dann werden die Teller hingestellt – auf jedem Teller zwei Toast -, Besteck dazugelegt, falls man welches erwünscht und Sui und der Fremde an den Tisch gerufen. An der einen Seite sitzen sie, an der anderen sitzen Mutter und Sohn. Gegenüber von Sui Yoru, gegenüber vom Fremden Leafia.
Schon als sie gemeinsam in der Küche waren, musste Yoru an letzte Nacht denken. Jetzt, direkt an ihrer Seite, werden diese Gedanken nur noch stärker. Sie beginnen zu essen. Leafia und Sui mit Besteck, der Besuch und Yoru mit den Händen. Dann fragt Leafia: „Willst du uns nicht einmal deinen Begleiter vorstellen?“ „Ich heiße Sekou“ sagt er und Sui erklärt: „Ich wäre gestern Abend beinahe getötet worden. Dann kam er und hat mich gerettet.“ Große Augen von Leafia. „Getötet?“ „Ich bin am Abend spazieren gegangen und… irgendwie war das wohl keine gute Idee. Aber ich bin noch hier und das ist alles, was zählt.“ „Das… stimmt.“ Dann unterhalten sie sich über verschiedene Dinge. Der Fokus eher auf den Gesprächen, als auf dem Toast. Zumindest, bis Leafia einmal meint: „Hmm! Der Toast hier ist echt gut.“ „Echt?“ fragt Yoru und schaut auf den Teller. Viel Käse und Gemüse zu erkennen. Tatsächlich wirkt er vom Optischen her deutlich leckerer und nicht so trocken, wie seiner. „Willst du mal probieren?“ fragt Leafia. „Gerne.“ Da schneidet sie ein Stück runter und führt es zu seinem Mund. Ihm gegenüber Sui und Sekou, welche zuschauen. Er wird rot, zieht das Stück vorsichtig mit den Zähnen runter, kaut und schluckt.
Die Nervosität bemerkt auch Leafia, die sofort das Verlangen verspürt, mit ihm zu spielen. „Lecker, oder? Am besten gleich noch ein Stück.“ Sie schneidet das zweite Runter und pustet leicht mit ihren spitzen Lippen dagegen. Yoru wird rot. Doch zum Glück liegt der Fokus am Tisch nicht mehr auf ihm. Der Besucher isst seinen Toast, Sui schaut kurz rüber, blickt dann aber ebenfalls wieder auf ihren Teller. Ein zweites Mal isst Yoru von Leafias Gabel. Diesmal nimmt er sie vollständig in den Mund und zieht das Brotstück runter. Seine Augen und die der schönen, blonden Dame treffen sich. Sie schmunzelt, schneidet ein weiteres Stück runter und isst dieses. Die Gabel für einige Sekunden im Mund. Die Zunge umfährt sie dreimal. Dann zieht sie diese wieder heraus. Ein Speichelfaden bleibt dran hängen. Yorus Augen darauf fokussiert. Plötzlich tut sie nur so, als würde sie etwas schneiden und reicht ihm die in Speichel getränkte Gabel. Er wird rot, zögert. Doch sie bewegt den Kopf in Richtung von Sui und Sokou, die nicht hinschauen. Da greift er nach ihr und nimmt sie in den Mund. So, wie sie es früher schon einmal taten. Er glaubt ihren Speichel schmecken zu können und zu merken, wie er mit seinem verschmilzt.
Dann meint der Fremde: „Hier geht’s ja richtig heiß her. War nur ein Witz, als ich dich vorhin so nannte. Aber da ist wohl doch was dran.“ „W-Was meinst du?“ Auch Sui weiß nicht genau, worum es geht. Nur Leafia grinst schelmisch. Dann wird kein einziges Wort mehr gewechselt und sie essen weiter. Die Stimmung plötzlich angespannt. Zumindest, bis der Fremde sagt: „Ihr könnt ruhig weitermachen. Tut so, als wären wir gar nicht hier.“ „Was denn?“ fragt Sui und ihr Nebensitzer meint: „Die schauen sich voll romantisch an und essen von derselben Gabel.“ „I-Ist das nicht normal?“ erwidert sie fragend. „Also, dass man als Familie von derselben Gabel isst.“ „Klar. Aber nicht so. Voll verliebte Blicke. Echt, macht ruhig weiter.“ Da schaut Sui verwirrt zu Yoru rüber, der mit dem roten Kopf gesenkt dasitzt und langsam weiteressen möchte, bis Leafia nicht anders kann, als weiter mit ihm zu spielen, näherrutscht, die Hand auf seinen Schoß legt und leise fragt: „Das stimmt doch nicht, was der da sagt. Oder, Yoru?“ Dann grinst sie wieder so schelmisch, woraufhin selbst Suis Blick angewidert, aber auch neugierig erscheint.
Der Junge will im Erdboden versinken, tut so, als wäre nichts. Dann fragt Leafia: „Bist du etwa wirklich so nervös? Nur wegen mir?“ Seine Augen wandern zu ihr. „Wird richtig heiß hier. Wie du sie anschaust… Das ist der Blick von jemandem, der seine Frau anhimmelt. Nicht der Blick eines Sohnes… ganz sicher nicht… Mann, verrückte Welt. Mutter und Sohn und trotzdem total romantisch und irgendwie ja auch süß.“ Bei diesen Worten wandelt sich Suis Blick. Die Augen etwas weiter, dann eine runzelnde Stirn. Sie denkt nach, ob Sokou recht hat und sagt: „Du bist wirklich total rot. Noch viel mehr, als bei Ryori oder jedem anderen Mädchen, dass du bei dir hattest… Das ist wirklich merkwürdig.“ Doch Leafia legt ihre Hand auf seine und sagt: „Genug geärgert. Jetzt frühstücken wir alle gemeinsam und-…“ Seine Hand verkrampft, die Augen auf die ihre gerichtet. „Jetzt halten sie selbst schon Händchen. Ne, wirklich. Ist doch süß, finde ich. Der ist komplett verliebt.“ S-Stimmt nicht…“ meint Yoru. „Ich fühle mich nur… sicher. Geborgen. Ganz warm.“ „Das ist Liebe“ murmelt Sui und tatsächlich findet auch sie den Anblick fast schon süß, wie Leafia Yorus Hand hält und dieser ganz kleinlaut neben ihr sitzt, als wäre er ihrer.
„Du stehst echt auf Mom, was? Ja gut… Liebe ist Liebe. Du liebst sie und sie liebt dich. Sonst würde sie das jetzt nicht tun. Was soll man da noch diskutieren? Hübsch ist sie auch und irgendwo hast du es ja eh verdient, Frieden und Liebe zu erfahren… Hätte nicht gedacht, dass ich sowas mal sagen werde. Aber los! Mach sie eben zu deiner Frau!“ Da werden seine Augen ganz groß und er schaut zu Leafia rüber, die ihn liebevoll strahlend anschaut. „Tu, was sie sagt, wenn du es für richtig hältst.“ Da greift er nach ihr, legt die Arme um sie und küsst sie. Ein langer, zärtlicher Kuss voller Leidenschaft, bei dem der Besuch nicht den Mund halten kann und sagt: „Oha. Mutter und Sohn und trotzdem sieht’s richtig gut aus. Verrückter Scheiß.“ Selbst Sui meint: „Es sieht… richtig aus.“ Etwas so verbotenes, was sie sich nie hätte vorstellen können. Hier, vor ihren Augen und mit zwei Menschen, die sie kennt und liebt. Etwas, was gestoppt werden sollte. Und doch schauen sie eifrig zu, bis sich die Lippen voneinander lösen. Dann folgt langer Augenkontakt und ein leises kichern, erleichterte Blicke und Ruhe. Keiner sagt etwas, denn es gibt nichts zu sagen. Stattdessen essen sie weiter. Der Besucher selbstzufrieden zurückgelehnt und Sui etwas angespannt. Sie schaut zu Leafia, zu Yoru, mitten in seine Augen und er erstarrt. „I-Ist etwas?“ „Ich finde es komisch. Ihr wirkt jetzt echt wie Mann und Frau. Total verrückt. Und dabei seid ihr-… Auch egal… Denn irgendwie passt es total. Blöde Frage, aber wie war es? Wie war der Kuss mit unserer Mutter?“ „N-Nicht schlecht…“ antwortet Yoru zögerlich. „Ach, jetzt sei mal ganz ehrlich und mach nicht den selben Fehler nochmal.“ „Es war unglaublich.“ „Na, siehst du? Tut doch gut, sowas zu sagen. Und jetzt? Seid ihr jetzt… ein Paar?“
„Wieso das?“ fragt der Besucher und meint: „Geht doch gar nicht.“ „Wie, ‚geht doch gar nicht‘? Na klar geht das. Nur ein Liebespaar küsst sich so leidenschaftlich!“ „Ach, was. Das ist gier. Urinstinkte und sowas.“ „Nein? Auf keinen Fall! Wenn es nur Lust wäre, sähe das anders aus. Das ist Liebe. Eine Form von Liebe, die man mega selten sieht. Die müssen ein Paar werden!“ Bei diesen Worten wird Yoru ganz rot. Doch Sui stürzt sich zu ihm, die Augen am Funkeln und sagt: „Stell dir das mal vor! Jeden Tag beisammen. Das wäre doch voll schön. Oder? Händchen halten, kleine Küsse nebenbei – das willst du doch auch.“ „L-Langsam, okay? Es wäre schön, aber auch ganz schön viel auf einmal.“ „Genau das ist aber der Punkt. Es ist neu, ja, aber du merkst doch, dass du es willst. Mal ein bisschen Ruhe in den Alltag bringen und ein bisschen Liebe. Du willst es, Yoru. Du weißt es nur noch nicht richtig.“ Yoru denkt nach und fragt: „Ist das nicht ein bisschen arg viel? Jeden Tag beisammen, ununterbrochen?“ „Aber wir wohnen doch jetzt sowieso für ein paar Tage hier. Was würde sich also ändern?“ Er gibt zu: „G-Guter Punkt. Aber trotzdem.“ „Jetzt zögere nicht schon wieder. Du hast schon Ryori verloren. Vergiss das nicht. Und das passiert immer und immer wieder, wenn du nicht lernt, große Entscheidungen wie diese zu treffen. Hör doch einfach mal auf dein Herz. Und vor allem: Würdest du wirklich wollen, dass das gerade euer letzter Kuss jemals wäre und jede Nacht einsam einschlafen? Oder willst du heute Nacht mit ihr in den Armen schlafen?“ „D-Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht.“ „Echt nicht? Wenn ihr ein Paar wärt, würdet ihr jeden Morgen gemeinsam frühstücken, würdet Hand in Hand spazieren gehen, gemeinsam Spiele spielen, Fernsehen, ihr könntet euch noch viel öfters küssen, als sei es das normalste der Welt, könntet eure Sorgen teilen, gemeinsam Baden, schlafen, jede Nacht, Arm in Arm, die Lippen kaum noch voneinander lassen und womöglich sogar die Familie erweitern. Jetzt denk mal über all das nach und sage mir, ob du das willst oder nicht.“ Da schaut er Leafia an, ihre Hand leicht in seiner, das beruhigende Lächeln, die Wärme, die sie ausstrahlt. Wie unfair es doch ist, denkt er, sich bei diesem Anblick entscheiden zu müssen. Denn bei diesem Grinsen und bei dieser Ausstrahlung, da gibt es nur eine ganz klare Antwort.