Sünde Kapitel 6 – Ist er denn kein Gott?

Kauzo, der Anführer der aus Arkann stammenden Deadragruppe, steht an Deck des Luftschiffes und schaut sich gut um. Er ist auf der Suche nach naheliegenden Dörfern und Städten, die eine Gefahr darstellen könnten. Doch weit und breit sieht er nichts. Da ertönen Schritte.

In seiner Suche gestört dreht sich Kauzo um. „Du schon wieder?“ „Ich schon wieder.“ „Hatten wir nicht einen Vertrag und solltest du nicht im Moment dabei sein, Frischfleisch zu sammeln?“ „Immer mit der Ruhe, mein bester. Du tust ja so, als müsse man ’nen ganzen Tag lang ohne ’ne noch so kleine Pause umherirren und Leute erlegen. Das erledigt man im Handumdrehen… Wortwörtlich!“ „Dennoch. Wieso bist du hier?“ „Oh, das hat ’nen einfachen Grund. Der Vertrag war nichtig. Denn wir haben gar keine Verpflichtung der Gegenseite festgelegt. Ich hab viel zu tun. Was kriege ich dafür? Nichts. Das kann ja wohl nicht sein. Ein Vertrag erfordert immer zwei Seiten. Somit frage ich ganz bescheiden: Was bietet ihr mir, oh großer und starker Anführer?“ „Ich drehe die Frage besser um und möchte von dir wissen, was es ist, was du verlangst?“ „Oh, ich verlange nicht viel im und vom Leben. Was mir geboten wird, das nehme ich auch. Somit nenne du mir doch bitte, was du zu bieten hast. Die Treue? Den guten Ruf der Herrin? Oder etwas vollkommen anderes?“ „Du sagtest schon vorhin, du handelst für und im Namen der Azar. Korrekt?“ „Das sagte ja – gut gemerkt.“ „Dann ist es ihr guter Ruf, den du begehrst? Den sollst du auch bekommen. Danken werden wir ihr und dem Volke wird klargemacht, dass ihr allein für das diesjährige Fest zu danken ist. Dass sie für die guten Speisen verantwortlich ist und ihr Prophet der Erbringer dieser ist.“ „Ach, das tut nun wirklich nicht Not. Mich kann man aus dem Spiel lassen. Denn im Ganzen spielt mein Sein keine große Rolle.“ „Dann werde ich nur berichten, dass sie es ist, der zu danken ist.“ „Recht soll’s mir sein. Dann unterschreibe bitte einmal an der markierten Stelle und der Deal steht.“ Vor Kauzo erscheint eine Schriftrolle mit den wichtigsten Details ihrer soeben stattgefundenen Konversation. Daneben eine in Tinte getauchte Feder, nach welcher er greift. Anschließend überfliegt er den Vertrag und unterschreibt mit seinem Initialen. „Ich danke dir. Dann würde ich schon recht bald fortfahren. Gutes, frisches Fleisch. Vielleicht stoße ich zum Fest dazu und genehmige mir ’nen Happen oder zwei.“ „Gerne doch.“ Der Teufel schwindet, Kauzo hält weiter Ausschau. Was er sieht, das sind große Wälder.

In einem solchen halten sich Yoru und dessen Freunde auf, die soeben den Abwasch beendeten und nun dabei sind, mit der Hilfe von Sling alle Teller an den richtigen Ort zu packen. Währenddessen unterhalten sie sich ein wenig untereinander. Was Yoru Sling fragt ist, wieso und wie lange Sling nun wirklich diesen Engel in seinem Haus hat, was er davon hält und wie er in Zukunft mit diesem anstellen wird. „Wie schon gesagt – es war nicht ich, der diese Kreatur ins Haus holte. Es war nicht ich, der diesen Engel herbrachte. Hätte ich es versucht, wäre ich heute tot. Daher ist es umso erstaunlicher, wie es ein anderer so Problemlos anstellen konnte. Am Anfang war ich stark verwundert. Ich ging in diese sonst leere Abstellkammer und sah einen niedergeketteten Engel, die Flügel eingeklappt, der Kopf gesenkt und an der Decke dieser Trichter, der Spitz zu verläuft und mit einer langen Nadel direkt in den Nacken dieses unglücklichen Geschöpfes dessen Kraft entwendet und für einen sicheren Schild nutzt. Ich konnte nichts gegen diese Situation tun. Es war gottgegeben. Meine Sorge blieb, dass er sich irgendwann loslöst und mich tötet. Doch dann versicherte man mir, dieser Engel würde dort nie mehr wieder loskommen. So solle es das Schicksal selbst wollen und der Frieden war mir sicher. Doch frage ich mich bis zum heutigen Tage, wer er eigentlich war, wie sein Leben aussah, ob ihn die Leute vermissen und noch viel mehr, ob sie ihn suchen. Die schiere Existenz von Engeln war mir bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht klar.“ „Ich glaube, fast niemand weiß, dass es sie gibt. Sie tarnen sich und blenden ein. Daher würde ich stets vorsichtig sein.“ „Bin ich. Danke.“

Während ihrer Unterhaltung räumen sie die letzten Teller ein, als Yoru allgemein fragt, wo sich Sui befinden würde. Da schaut sich jeder einmal im Kreis um und keiner findet sie. Da ruft eine Stimme aus der Ferne: „Ich komme gleich wieder!“ „O-Okay!… Was hat sie jetzt schon wieder angestellt?“ fragt sich Fozra. „Vielleicht zu viel gegessen“ scherzt Fray. „Apropos. Du hast ja jetzt überhaupt nichts gegessen. Hast du keinen Hunger?“ Yoru schüttelt den Kopf. „Im Moment nicht. Und falls sich doch noch der Hunger anbahnt, könnten wir kurz beim Dorf nördlich von hier vorbeischauen. Da müssen wir eh dran vorbeifahren, um die Schlucht zu erreichen. Richtig?“ „Richtig“ sagt Aelyn. „Zumindest, wenn ich mich nicht ganz täusche.“ „Wird schon hinhauen. Dann könnten wir langsam aber sicher weiterreisen. Und möglicherweise kehren wir heute Abend, wenn die Rückreise ansteht, zum Übernachten nochmal hierher zurück.“ „Liebend gerne doch. Nur: Bevor ihr geht, würde ich noch gerne einmal mit dir unter vier Augen sprechen, falls das möglich ist.“ „Klar… Worum geht es?“ „Könnte ich es so einfach sagen, würde ich es mit dir unter vier Augen besprechen wollen?“ „M-Mein Fehler. Gehen wir.“ Er läuft vor und Sling geht ihm hinterher. Da fragt Johanna Aelyn, worüber sie wohl sprechen. „Das ist eine gute Frage. Es kann grundsätzlich um alles mögliche gehen. Am ehesten denke ich, dass es irgendetwas mit den Engeln zu tun hat… Das verblüfft mich noch bis heute. Tatsächliche Engel. Und dann auch noch welche, die uns Animura und Desmoria hassen und töten wollen. Das Glück meint es echt nicht gut mit uns.“ Sie lacht und ergänzt: „Eigentlich ja schon. Ansonsten wären wir schon längst tot.“ „Es ist echt so ein Zwischending“ findet Jonathan. „Wir haben finden das größte Glück im Unglück und kommen jedes Mal gerade noch so davon.“ Doch Fozra spricht in einem ernsteren Ton: „Die Frage lautet nur, für wie lange.“

Im Wohnzimmer stehen derweil Yoru und Sling, die sich unterhalten. „Wir sind doch gute Freunde, die sich seit geraumer Zeit kennen. Also sei bitte ehrlich mit mir – das würde mir viel bedeuten. Wie kam es dazu, dass euch geschrieben wurde, ein Brief, versendet von einer Taube, die von einem Raben überm Walde angegriffen und getötet wurde, in welchem geschrieben steht, wer der Todesrabe ist.“ Er pausiert, holt aus, spricht mit den Händen weiter, die Tonlage ganz anders, als zuvor. Voller Leidenschaft: „Ich habe vor langer Zeit einmal etwas mit dem Teufel höchstpersönlich zu tun gehabt. Er schenkte mir dieses Haus inmitten eines urbösen Waldes und er verriet mir zudem seinen Namen. Ein Gott ist er gewesen, wie nur er einen solchen Namen tragen könne. Und es war derselbe Name, der in diesem Brief niedergeschrieben stand. Nun sage mir bitte – und sei ehrlich: In welcher Beziehung steht ihr zu ihm? Zum Auge, zum Todesraben, zu ‚Jaster‘.“ Yoru hat nichts zu verbergen und antwortet: „Seit einer langen Zeit habe ich mit ihm zu tun. Damals offenbarte er sich mir inmitten eines brennenden Waldes und half mir. Schnell gingen wir viele Verträge ein, freundeten uns gewissermaßen an und haben bis zum heutigen Tage miteinander zu tun.“ „Dann bist du also sein Prophet?“ „Einen Propheten würde ich mich nicht betiteln. Ebenso wenig würde ich ihn einen Gott nennen. Selten-“ „Wie dann?“ „Hm?“ „Wie würdest du ihn dann betiteln? Wenn nicht einen Gott, der die Wünsche derer erfüllt, die sonst kein Gehör finden?“ Seine Stimme angespannt, der Blick starr. „Ich… habe nie so wirklich darüber nachgedacht. Aber man könnte ihn schon einen Gott nennen. In der Hinsicht hast du vollkommen recht. Nur keinen guten Gott, denn-“ „Gibt es so etwas wie einen guten Gott? Wer ist perfekt? Perfektion existiert nicht. Nichts mehr, wie Urtriebe und Wünsche, die wir projizieren.“ „Da stimme ich dir vollkommen zu. Aber-…“ „Welcher Gott ist perfekt? Ich bleibe meinen Gottheiten treu. Sie gaben mir Land, Essen, eine Stimme. Was sie mir nicht geben können, das ist die Sicherheit. Sie gaben jedem einzelnen von uns dasselbe. Eine Grundausstattung, mit der wir selbst zurechtkommen sollten. Wer den Start verpasste, der kam nicht weit. Wer in den Reichtum hineingeboren wird, der hat es leicht. Welcher andere Gott in unserer Geschichte bot seinen Jüngern etwas? Hast du von Goghsaar gehört? Dem wohl bekanntesten Gott der heutigen Zeit.“ „N-Nicht viel.“ „Er beschützt und hütet sein Volk. Elfen lieben ihn. Er rettete das gesamte Königreich vor dem Krieg. Gleichzeitig attackiert er Städte, in denen Leute leben, die der Meinung sind, die Elfen seien eine unterlegene oder hochnäsige Rasse. Fast schon närrisch, als sei der Ruf, was das Volk ausmacht. Dennoch gilt er als beliebt und aufopfernd. Obwohl er alles andere ist, als das. Dann gibt es das allwissende Auge. Der, der den Namen ‚Teufel‘ bekam. Einer, der für jeden da ist. Nicht nur für sein eigenes Volk. Einer, der den Schwachen die Wünsche erfüllt. Er kann die reichen und wohlhabenden nicht leiden, doch benehmen sie sich und leben nach seinen Idealen, dann entlohnt er selbst sie. Er gibt. Also wieso soll er sich nicht auch etwas dafür nehmen? Als ich im Regen einsam im Matsch lag, da reichte er mir die Hand. Ein Gott, wie du ihn kein zweites Mal finden kannst. Verstehst du, was ich dir sage?“

Yoru nickt. „Auch mir half er schon etliche Male. Und wie oft auch die anderen sagten, man solle zu ihm nicht zurückkehren, denn er bringe nur Unglück, irgendwie kreuzten sich die Wege doch immer und immer wieder.“ „Denn Gott ist gütig“ erklärt Sling und Yoru macht sich Gedanken. Währenddessen äußert der Halbmaskierte: „Wie es mir scheint, solltest du mehr Ahnung von dem haben, was ich hier von mir gebe, wie jeder andere. Du solltest am ehesten sehen und verstehen, wie gütig er doch ist, wenn er dir seit so einer langen Zeit hilft.“ „Ja, das verstehe ich auch.“ „Aber?“ Was für Sling eine einmalige, kurze Begegnung mit einer mystischen Kreatur ist, ist für Yoru fast schon der Alltag. Er kann Jaster als kein mystisches, sonderbares Geschöpf sehen, wenn er mit diesem fast täglich zu tun hat, ihn, seine stärken und seine Schwächen kennt und in ihm nicht mehr sieht, wie einen fast schon größenwahnsinnigen Idioten, für den das Gottsein nicht mehr ist, wie ein ferner Traum. Und dennoch kehrte er so oft zu ihm zurück. „Es ist schwer zu erklären. Doch ich sehe und verstehe deine Punkte.“ „Wenigstens etwas“ scherzt Sling. „Dann will ich euch mal nicht länger abhalten. Zieht weiter und viel Erfolg. Hoffentlich sieht man sich am Abend noch einmal. Und falls nicht: Alles gute auf eurer Reise!“ „Vielen Dank.“ Sie geben sich die Hand, da kehrt Yoru zu seinen Freunden zurück, die ihn schon ganz neugierig anschauen.

Ein Gedanke zu „Sünde Kapitel 6 – Ist er denn kein Gott?

  1. Richtig gut 😀 Jaster wird immer bekannter und mehr halten ihn für Gottgleich. Bin echt gespannt, wohin das führen wird 😮

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