Die Sonne beginnt zu fallen. In der Ferne sind die Hochhäuser zu sehen, hinter welchen die Sonne sinkt. Vor ihr schwebt einer der Türme, welcher in ihrer Hitze zu flimmern beginnt. „Seltsames Teil, nicht wahr?“ wird Yoru von Henjuko Sakamoto gefragt. „Sehr seltsames Teil. Seit wann schwebt der Turm dort?“
„Seitdem der Boden gebebt hat, heute Mittag. Das war sogar kurz bevor du zu uns geflogen bist.“ „Ich habe das Beben mitbekommen, aber ich dachte das war nur eine Art Erdbeben.“ „Tatsächlich war es mehr als nur das. Damals ist schon so etwas ähnliches passiert, mit dem Solio Caelesti. Und jetzt diese Türme. Ich weiß nicht, ob sie sich einfach in Sicherheit bringen wollen, vor den Angreifern und Rebellen, oder ob sie einfach nur eine schönere Aussicht haben wollen. Aber irgendwie bezweifle ich das zweite. Gerade bei dieser Stadt.“
Yoru schaut zurück zum Turm, der vor der Sonne schwebt. Er sieht, wie Fahrzeuge den Turm verlassen und nach unten fliegen und, wie neue Fahrzeuge gen Himmel fliegen und den Turm betreten. „Welcher Turm ist das?“ fragt er und vermutet anhand seiner Position, dass es der Präsidententurm im Bezirk H4 ist. Doch seine Vermutung bewahrheitet sich nicht. „Der I5 Turm.“
Damals befand sich ein Turm im Gebiet H4… Aber in diesem Polygon ist die Stadt anscheinend anders aufgebaut. Doch wo befinden sich dann die anderen Türme?
Er dreht sich um und läuft in den Computerraum, wo er Recherchen betreibt und herausfindet, dass die Türme in diesem Polygon in den Bezirken A5, C5, G5 und I5 stehen, dass der ehemalige Turm von Doth Lyrus in Bezirk E1 war, dort aber nun nur noch eine große Klappe ist, die in eine tiefe Fläche führt, aus welcher der Solio Caelesti geflogen kam, auf welchem auch der ehemalige Turm von Doth Lyrus steht.
Plötzlich erscheint Jaster neben ihm und schaut Yoru zu. Dieser ist anfangs verwirrt, sucht aber schnell nach weiteren Dingen. Shinja wurde als einzige von Hangar 777 nie gefunden, im Hangar wurden seltsame Klon-Experimente betrieben, es gab einen großen Unfall bei einer Bohranlage, durch welchen hunderte Leute starben, dort wurden wichtiges Eigentum der Stadt geklaut, dann steht dort noch etwas über den Vorfall mit dem umgeflogenen Hochhaus, aber wirklich viel neues findet Yoru nicht.
„Was machst du eigentlich hier?“ fragt er Jaster. „Zuschauen. So wie auch du, weiß ich wenig über dieses Polygon. Und anstatt viel herumzufliegen, kann ich auch einfach im Internet suchen. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte mein Gehirn mit dem Internet verbinden und dann wüsste ich alles. Aber ja. Ich kann auch einfach mein Nagelneues JZ7 dafür benutzen. Schau es dir an! Elf Kameras, ein hyperrealistischer Bildschirm, mit welchem du jede Körperzelle sehen kannst, highspeed Internet, welches überall verfügbar ist und vieles mehr. Das Ding hätte mich eine Millionen gekostet.“
„‚Hätte‘?“ fragt Yoru. „Ja. Hab es um sonst bekommen. Weiß auch nicht wieso. Hab es in einem Shop im Himmelsreich gekauft. Ich finde den Namen noch immer so seltsam. ‚Himmelsreich‘. Es ist einfach wie ein weiteres Polygon, nur dass dort auch ein paar Götter leben… Oder nur Götter. Ich mag den Ort nicht. Ich fühle mich dort irgendwie… unpassend, als Dämon.“
„Du bist ein Dämon? Ich dachte du bist ein Gott der Träume?“ „Naja. Ich weiß es selber nicht genau. Eigentlich bin ich ein Dämon. Ich bin ja nicht wirklich aus dem Nexxuz oder dem Himmelsreich, sondern aus einem nochmals anderen Ort.“ „Was für ein Ort?“ „Das ist die Sache. Ich kann mich an wenig erinnern. Aber wenn ich richtig liege, dann… Naja. Eigentlich wurde ich im Sephyr Polygon geboren, hab meine ganze Rasse töten lassen, war der letzte, hab die Zeit zurückgedreht, bin irgendwie in das Nexxuz gelangt und habe dann verschiedene Polygone bereist.“
„Warte mal eine Sekunde. Du bist also aus dem Sephyr Polygon? Nicht vom Nexxuz?“ „Genau. Sag’s aber keinem. Okay? Du hättest schließlich auch keinen wirklichen Grund dazu. Daher kann ich dir trauen.“ „Trauen kannst du mir auf jeden Fall. Aber… Ich bin verwirrt. Wissen die anderen Götter davon?“ Jaster springt auf den Tisch und läuft von der einen Seite zur anderen und spielt dabei mit einer von ihm erschaffenen Münze.
Er legt sie quer auf eine seiner abgerundeten Klauen und dreht sie im Kreis. „Ich denke nicht. Vielleicht schon. Sie wachen über diese Orte. Eigentlich sollten sie es wissen. Aber ich bin mit dem Gott befreundet, der über das Sephyr Polygon gewacht hat. Vielleicht hat er es deswegen niemandem weitergesagt. Oder er hat es eben doch weiter gesagt, aber ich weiß nichts davon. Mir ist das alles ein Rätsel. Aber solange ich meinen Spaß haben kann, ist alles gut. Es ist schön, wenn deine Taten keine Konsequenzen haben.“
Ohne noch etwas zu sagen, verschwindet er und lässt Yoru verwirrt zurück. Dieser begibt sich in das Wohnzimmer, wo sich noch Norya und Nanago befinden. Sie sitzen nebeneinander auf der Couch und spielen ein Spiel. Leise setzt sich Yoru zu ihnen und denkt nach. Bis er plötzlich etwas schweres in seiner Hosentasche spürt. Er schaut rein und findet ein JZ7 auf. Doch nicht nur das. Auch einen Zettel findet er, auf welchem steht: ‚Wehe du verlierst das Ding auch. Es hätte mich eine Millionen gekostet. Wobei ich vermutlich noch mal eins umsonst bekommen könnte. Ich weiß nicht. Geh einfach gut damit um.‘
Danke, Jaster.
Er schaltet es ein und will es einrichten, doch alle Apps, die er auf seinem alten Handy hatte, sind auch hier drauf. Selbst die Bilder. Wirklich alle Bilder. Und die Musik, Downloads, und so weiter. Er ist überrascht, doch nicht verwundert und schaut, ob er verpasste Nachrichten hat. Und tatsächlich hat er eine verpasste Nachricht von Celicia. Sofort geht er auf den Chat und liest sie sich durch. Es ist keine Lange, doch dafür eine sehr Bedeutsame. ‚Ich weiß nicht, wie es dir gerade geht. Aber ich will dir sagen, dass du das schaffen wirst! Wir alle glauben an dich. Und ganz besonders ich. Hetz dich nicht. Du brauchst so lange, wie du brauchst. Alles was zählt ist, dass es dir gut geht. Bis bald. Ich liebe dich <3‘
Er antwortet: ‚Vielen, vielen Dank. Das bedeutet mir wirklich viel. Ich werde mein bestes geben und ich freue mich schon auf die zeit, die wir alle gemeinsam im Nexxuz verbringen werden. Richte den anderen Grüße von mir aus. Bis bald und ich liebe dich auch <3‘
Als er das Handy zurück in die Hosentasche schiebt, hört er ein: „Game Over“ von Fernseher. „Verdammt“ sagt Nanago leise. „Du hast mich besiegt. Ich gebe mich geschlagen.“ „Muhahaha. Du wirst nie so gut werden, wie ich!“ „Das werden wir ja sehen. Runde zwei, los!“ Sie und Norya spielen weiter und er schaut ihnen zu. Es ist ein rennspiel. Norya liegt in Führung, doch Nanago holt auf und wirft eine Bananenschale nach vorne, die Norya trifft. „Verdammt.“
Sie rammt sie die klippe Hinunter und rast durch das Ziel. „Nein! Wie? Ahhhh. Gut gespielt“ sagt Norya verärgert, doch sie und Nanago lachen kurz darauf und spielen weiter. Als es 21 Uhr ist, verlässt Yoru das Wohnzimmer und läuft zurück zum Hangar, der nun offen steht. Er läuft zum großen Tor, von welchem aus man den See sehen kann, die gegen überliegende Straßenseite, mehrere Pflanzen und Blumen und den Himmel.
Zur selben Zeit schaut ein netter Mann von dem Dach eines Hochhauses aus in den Abendhimmel. Er befindet sich östlich vom G-Bezirk. Einer der letzten Orte, an welchem der Himmel noch klar ist. Der gesamte I-Bezirk hat einen gelben, schmutzen Himmel, der sich langsam aber sicher über die kommenden Jahre ausbreitet. Doch dort ist auch die Industrialisierung um einiges stärker, als in den restlichen Gebieten. Überall stehen dort Maschinen herum und der Sand der Wüste tut auch noch mal einen großen Beitrag dazu leisten.
Der Mann der dort oben sitzt, auf einem der Häuser, um sich herum Bäume, die auf den Dächern gepflanzt werden, und sich umschaut, hört plötzlich jemanden hinter sich. Er dreht sich um und sieht einen Jungen mit glatten Haaren, einem beigen Detektivmantel und blauen, großen Augen. „Dürfe ich ihnen ein paar Fragen stellen?“ „Aber natürlich.“
„Man munkelt, sie hätten eine Erashin-Kraft, mit welcher sie Objekte oder Menschen Fotografieren und damit auf Polaroid Fotopapier einsperren könnten. Was sagen sie dazu?“
„Man munkelt, man munkelt.“ Der nette Mann mit kürzeren, schwarzen Haaren und blauen Augen, der ein schwarzes Hemd trägt, grinst nur und sagt: „Was soll ich schon dazu sagen. Das ist das, was die Menschen nun mal behaupten.“
„Ich verstehe. Ich wünsche ihnen noch einen guten Abend.“ Der Junge läuft zurück zu den Treppen und verschwindet. Der Mann sitzt weiterhin dort oben und wartet darauf, dass es Nacht wird.
Er hat schließlich vor, die Sterne zu klauen.
