Ein Dunkelelf sitzt auf seinem Pferd und reitet mit diesem in Richtung Westen langsam durch einen Wald hindurch. Links und rechts von ihm befinden sich hohe Bäume, deren Kronen ihn vor dem starken Schein der Sonne schützen. Vor ihm und hinter ihm die Straße, über die das Pferd läuft. Pflastersteine, zum Teil in der Erde versunken, die von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt führen. Fast schon der einzige Weg, um sicher von einer Ortschaft zur anderen zu gelangen. Diesmal befindet sich der See, der gestern noch links von ihm war, rechts von ihm. In ihm kann er ein paar Enten sehen, welche es sich gut gehen lassen. Das hätte er jetzt auch gerne. Ein angenehmes Bad im kühlen Nass. Nur noch ein bisschen. Dann kann er sich das wohltuende Bad gönne, es genießen und sich von ihm neue Motivation schnappen. Das Pferd auf welchem er sitzt läuft stets im selben Tempo. Gelegentlich wird es ein wenig schneller. Jedoch nur, wenn es etwas hört oder es auf etwas tritt, was sich seltsam anfühlt. „Ich war jetzt lange auf Reisen. Sehr lange. Nie haben sie mir etwas ausgemacht. Nun befand ich mich für fast genau einen vollen Tag an einem netten, kleinen Örtchen und rührte mich nur wenig und schon fühlen sich die Reisen wie das nervigste und langweiligste an, was ich mir nur vorstellen könnte. Ist das nicht lustig? Wie schnell man sich an etwas gewöhnt und davon verwöhnt werden kann?“ Das Pferd antwortet ihm nicht. Wie denn auch? Es ist ein Pferd.
„Wenn du verstehen könntest, was ich gerade von mir gebe und du sprechen könntest, dann würdest du mir bestimmt zustimmen.“ Schon über eine Stunde sitzt er auf dem Rücken des Gauls und fragt sich, wie lange die Reise noch gehen wird. Dann erinnert er sich an das zurück, was er gestern Abend zum Ritter sagte und beantwortet sich somit seine Frage selbst. Knapp zwei Tage. Vielleicht ein bisschen mehr, vielleicht etwas weniger. Das weiß er nicht. Woher denn auch? Er ist kein Hellseher.
Es vergeht weitere Zeit. Die Sonne steht mittlerweile an ihrem höchsten Punkt. Von nun an wird sie nur noch gen Erde rasen und gegen den Boden stürzen. In diesen einsinken und den Himmel erröten, bis er die Augen schließt und sie erst wieder am nächsten Tag öffnet, wo die Sonne wie durch Magie wieder am Himmel erscheint. Er will vor Abendanbruch in einem neuen Dorf sein und dort übernachten. Eins finden wird er allemal. Schon jetzt ist er an zwei bewohnten Gebieten auf dem galoppierenden Pferd vorbeigeritten. Ein Dorf war klein und unauffällig. Nur drei Häuser, eine Mühle und zwei Kutschen, die neben der Mühle standen, dazu ein paar Felder und zwei Männer, die dabei waren, die neueste Ernte aus dem Boden zu ziehen. Das andere Dorf ähnelte dem, aus welchem er los ritt. Nur hatte es keine schützende Mauer und stand der ganzen Welt offen. Neben den zwei Gebieten ritt er auch an einem Monsterlager vorbei, an ein paar Wölfen die dabei waren, ein totes Tier zu verzehren und an einem Drachen, der für einen kurzen Moment seinen Schatten warf. Dann sah er ihn nie mehr wieder. „Manchmal frage ich mich, wie lange das noch gut gehen wird. Das Herumreisen von Ort zu Ort, das Verkaufen von allerlei Waren und so weiter. Wieso machen das nicht viel mehr Leute? Es ist so ein einfacher Weg, um an Geld zu kommen. Ich war mir schon im frühen Alter sicher, dass es eine Zeit geben wird, wo jeder auf dieser Art Geld verdienen wird und wo ich keine Chance haben werde, damit noch erfolgreich zu sein. Doch oft fühlt es sich so an, als sei ich der einzige wandernde Händler weit und breit…“ Doch wie es der Zufall so will sieht er in genau diesem Moment eine Kutsche am Horizont. Auf ihr scheinen verschiedene bunte Waren zu liegen. Mit jeder Minute nähert er sich stückweise. Mit jedem Stück erkennt er etwas besser, was dort im Wagen liegt. Als er nur noch ein paar dutzende Meter entfernt ist, sagt er mit sicherer Stimme: „Obst und Gemüse also. Keine schlechte Idee. Im Gegenteil. Das bringt überaus viel Geld ein.“ Und als er gleichauf mit dem Reiter der Kutsche ist, fragt er: „Ihr seid auch Händler?“
Ein junger, blonder Mann mit kurzen Haaren, weißen, schmutzigen Roben und einem überraschten Blick antwortet: „Gewiss.“ Er hat einen leichten Akzent. „Man trifft hier draußen wirklich selten auf weitere Händler. Ihr verkauft also Gemüse, wie ich sehe?“ „Genau. Meine Familie baut tagtäglich neues Grünzeug an. Ich komme einmal pro Woche zu ihnen zurück, hole ab, was sie angebaut haben, verkaufe es und wenn ich die darauffolgende Woche zurückkehre, kriegen sie ihren Anteil.“ „Eine gute Idee. Tatsächlich eine sehr gute Idee. Im Team sollte der Handel deutlich einfacher sein.“ „Oh, ja. Das ist er. Ohne sie wäre das alles gar nicht möglich. Ich könnte Gemüse, Obst und Früchte aller Art von Fremden abkaufen und für mehr Geld verkaufen. Aber das funktioniert nur in den seltensten Fällen. Plus macht man dabei nie. Nur Minus. Und in den seltensten Fällen kommt man am Ende mit Null heraus.“ „Die Probleme eines Händlers eben. Aber wenn man einmal den für sich richtigen Weg gefunden hat, sollten die Probleme von alleine schwinden.“ „Das tun sie. Ihr sprecht aus Erfahrung, nehme ich an?“ „Natürlich. Reisender Händler – und das seit meiner Jugend.“ „Und im Rucksack transportiert ihr eure Waren?“ „Genau. Waren aller Art. Edelsteine, seltene Erze, Waffen, Blumen. So ziemlich alles lässt sich in meinem endlosen Rucksack auffinden.“ „Ein Allwarenladen, allzeit dabei. Über so etwas habe ich nie nachgedacht. Das ist ziemlich schlau.“ „Ich danke. Doch mit eurer Idee kann es nicht mithalten. Im Team zu arbeiten, damit den Gewinn zu maximieren, das sollte ich auch einmal probieren. Ihr habt mich auf reichliche Ideen gebracht und dafür möchte ich mich herzlichst bedanken.“ „Der Dank liegt ganz bei mir. Oftmals fragte ich mich, ob sich das Dasein als Händler überhaupt noch lohnen würde. Aber Leute wie sie, mein Herr, sie motivieren mich weiterzumachen.“ Der Elf lacht. „Genau so empfinde ich auch. Leute wie sie und ich, wir müssen zusammenhalten. Wieso auch nicht? Schließlich sind wir Händler, die Hand in Hand umherirren und die Welt mit Dingen bereichern, von denen sie nicht einmal wussten, dass sie diese benötigen würden.“
Der Mann wirkt nett. Es ist nur schade, dass er seine Familie so wenig sieht
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