Wir bleiben noch mehrere Minuten bei Vater. Eine Krankenschwester kommt um bescheid zu geben, dass Vater, wenn er sich danach fühlt, schon heute wieder nach Hause kann. Aber Mutter muss sich um ihn kümmern. Er sagt der Schwester, dass er noch heute nach Hause gehen will, so notiert es und verlässt den Raum.
„Wir gehen schon mal vor und warten unten auf euch, okay?“ frägt Feylin. „Macht das. Wir sind gleich da“ antwortet Mutter. Feylin und ich begeben uns zum Eingang des Krankenhauses, wo wir Iylandra treffen.
„Oh, was machst du hier?“ frage ich sie. „Ich habe bei euch zu Hause geklingelt und wollte fragen, ob alles okay ist. Aber ihr wart nicht da. Deshalb bin ich hierher gekommen. Weil ich mir dachte, dass ihr hier seid. Ich habe mitbekommen, was mit eurem Vater passiert ist. Er war der letzte Überlebende, oder?“
„War er, ja. Und er sagte, dass er Angst vor dem hatte, was er dort sah: Kanji mit seiner vollen Kraft. Es kann gut sein, dass er es uns heimzahlen will. Oder vielleicht flüchtet er auch einfach aus dem Gebiet. Was mir, um ehrlich zu sein, lieber wäre.“
„Was macht ihr jetzt?“ „Ich waren bei Vater und die Krankenschwester sagte, dass er schon wieder zu uns kommen darf. Mutter begleitet ihn gerade und wir warten hier auf sie.“ „Ah, verstehe. Dann will ich nicht stören. Wenn etwas sein sollte kannst du dich einfach bei mir melden, okay? Wenn du jemanden zum reden brauchst, oder dir einfach nur langweilig sein sollte.“
Sie lacht, umarmt mich und läuft weg. „Und ihr seid echt nicht zusammen?“ frägt Feylin verwundert. „Klappe.“
Wir sehen Mutter und Vater die Treppen runter laufen, gehen zu ihnen und helfen Vater. Seine Beine sind noch etwas geschwächt. Gemeinsam gehen wir nach Hause, wo sich Vater hinlegt, Mutter sich zu ihm hinsetzt und Feylin und ich Videospiele spielen.
Vielleicht kommt es mir nur so vor, aber seit dem Vorfall sind wir uns um einiges näher gekommen. Wir sind besser befreundet, reden mehr, wir spielen sogar Videospiele zusammen. Das hätte ich mir noch vor fünf Tagen niemals vorstellen können.
„Magst du mich eigentlich?“ fragt sie mich mitten aus dem Nichts. „Natürlich. Wieso?“ „Ich weiß nicht. Wir hatten nie viel miteinander zu tun. Erst seit zwei Tagen. Und es fühlt sich so an, als wäre der einzige Grund, dass du mit mir Zeit verbringst der, dass es mir nach der Entführung besser geht. Ich will nicht, dass du sich zu irgendwas zwingst.“
Ich schaue sie verwundert an. Ihr Gesicht erleuchtet im Schein des Fernsehers. Ihre Augen sind so schön.
„Ich zwinge mich zu nichts. Ich verbringe Zeit mit dir, weil ich es wieder gut machen will, was für ein schlechter Bruder ich war. Ich genieße die Zeit mit dir sehr.“
Sie legt den Controller zur Seite und tut ihren Kopf auf meinen Schoß. „Wieso bist du ein ’schlechter Bruder‘? Du bist immer für mich da.“ „Ich weiß nicht. Ich hab nie versucht viel Zeit mit dir zu verbringen. Mir war anderes immer wichtiger.“
Sie drückt sich an mich ran. „Du bist der beste Bruder, den man sich nur vorstellen kann.“
Im selben Moment war dort Kanji, in seinem neuen Bunker, und hörte die zwei Geschwister über ihre Handy ab. Einsam liegt er da, denkt über sein Leben nach. Rechts von ihm sein Werkzeug und die Steine, links ein Koffer mit 18 Millionen Yen.
Er hat es hinbekommen, einen Großteil seines Geldes mitzunehmen, ebenso einen Teil der mit Blut gefüllten Spritzen.
Er liegt dort und ist kurz davor zu weinen. Bis es an der Tür klopft. Er läuft zu ihr, öffnet sie und steht vor einem großen, seltsamen Mann. „Hast du es?“ frägt er den Jungen. „N-Nein“ antwortet Kanji leise.
Der Mann packt und würgt ihn, wirft ihn gegen die Wand und schreit: „Du hattest eine einzige Aufgabe. Eine! Wie kannst du diese winzige Aufgabe nicht erfüllt haben?! Du bist eine Schande!“ Der Mann schlägt Kanji, bis er blutet.
„Morgen komme ich wieder. Morgen Abend. Wenn du bis dahin nicht das Sazuki Blut hast weißt du, was passieren wird“ sagt der Mann und verlässt den Bunker, als wäre nichts gewesen.
Geschwächt steht Kanji auf und begibt sich zurück auf das kleine, schmutzige Bett in der Ecke, legt sich hin und belauscht viele weitere Personen, um die Leere in seinem Herzen zu füllen. Mit jeder Minute die er dort liegt wird der Schmerz intensiver. Bis sich der Junge einredet, dass alles gut ist.
Um ihr geschwisterliches Bündnis zu stärken liegen Kazuo und Feylin gemeinsam im Bett. „Gute Nacht“ sagt sie. „Gute Nacht.“ Sie zieht die Decke über sich und Kazuo und sie schlafen ein.
Am nächsten Tag begeben sich die beiden zur Schule und ein weiteres Mal fliegen dumme Sprüche. Bis der neue Schüler, Delmore, kommt und die Anderen fragt: „Fühlt ihr euch eigentlich cool? Das ist schon schwach. Chillt mal mehr.“
Aber sie schlagen ihm in den Magen und treten ihn zu Boden. Danach gehen sie. Ich helfe ihm auf. „Du bist der Neue, oder?“ frage ich. „Ja, bin ich. Wie geht’s?“ „Gut. Und dir?“ „Auch.“ Wir laufen zusammen zum Klassenzimmer.
Dort wartet bereits der Lehrer, aber hat noch nicht angefangen. Wir setzen uns. Der neue, Delmore, sitzt direkt vor mir. Also können wir während dem Unterricht leise zusammen reden. Wie sich rausgestellt hat ist er gebürtiger Japaner, was ich mir bei seinem Namen nicht gedacht habe.
Zum Beginn der zweiten Pause läuten die Sirenen des Schule. Eine Durchsage sagt: „Bitte langsam und vorsichtig das Gebäude verlassen. Ich wiederhole: Vorsichtig das Gebäude verlassen.“
Wir laufen nebeneinander in einer Schlange nach unten. Hand in Hand mit unserem Nebensitzer. In meinem Fall Iylandra. Wir gehen runter, warten auf dem Hof auf den Lehrer und bleiben für knapp 20 Minuten in einem großen Abstand von der Schule entfernt.
Mehrere Polizeiautos kommen in gepanzerten Wagen angefahren. Sie betreten die Schule und schauen sich um. Viele von ihnen tragen besondere Geräte zum finden von Bomben. Hat Jemand einen Bombenanschlag geplant?
Wir schauen von weitem zu. Die ersten Polizisten kommen mit entschärften Bomben aus der Schule gelaufen. Sie legen die Bomben in den Wagen und gehen sofort wieder zurück. Als plötzlich eine der Bomben explodiert und ein Teil der Schule einbricht.
Alle laufen panisch umher. Jeder erwartet, dass demnächst noch mehr Bomben platzen, und rennt um sein Leben. Zum glück bleiben Iylandra und ich ruhig und können vorsichtig aus dem Schulgelände laufen.
Aber im Getümmel, in den hunderten Menschen, welche rennen, in diesem erblickt mich ein Paar Augen. Rote, kalte, verletzte Augen. Sie verschwinden in der Menschenmenge.
Die Polizisten rufen durch ihre Megafone: „Ruhe bewahren, Ruhe bewahren! Alle außerhalb des Geländes versammeln und nach Hause laufen. Der Unterricht ist für heute beendet.
Ich und Iylandra laufen gemeinsam zur Bushaltestelle, fahren nach Kyoto und laufen gemeinsam nach Hause. Unsere Eltern empfangen und im Treppenhaus. „Gott sei Dank, es geht euch gut. Wir haben in den Nachrichten davon gehört.“
Iylandra und ich verabschieden uns voneinander und jeder geht in seine Wohnung. „Es hieß, dass knapp 20 Leute beim Anschlag gestorben sind. Aber euch geht es zum Glück gut“ sagt Mutter und läuft dabei in die Küche.
„Apropos“ meint Vater. „Wo ist Feylin?“