Ryori kichert. „Kinky, dieses Mädchen. Nun. Sie ist, das meinte Jaster, der vierte Jester und-“ „Was das angeht“ murmelt eine Stimme von oben und das Dreieck kommt mit ausgestreckten Armen vom Himmel herabgesunken und lagt sich hin, mit einer dramatischen Pose. „Entschuldigt mich, doch ich habe gelogen. Ich war mir sicher, Yoru wäre der eigentliche vierte Jester. Die Wahrheit ist, dass dieses Mädchen der Urjester ist, der vor langer, langer Zeit in mehrere Seelenteile aufgeteilt wurde, jedoch ist sie nicht der vierte Jester. Lediglich ein winziges Stück meiner Seele trägt sie in sich, im eine physische Gestalt zu haben. Ein Stück, welches ein hundertstel so groß ist, wie das, was ich in mir trage. Ein Stück, was essentiell für ihr Leben ist. Irgendwo weit, weit weg von hier befindet sich das vierte Seelenstück. Ich dachte, Yoru oder Ryori, ihr beide könntet es sein. Einer von euch könnte es in sich tragen, denn ihr seid mindestens so bemitleidenswert wie wir Jester. Vielleicht habt ihr uns nur etwas vorgespielt und wollt eure Kräfte geheim halten. Und nun bin ich mir sicher, dass ihr unschuldig seid. Verzeiht mir.“
Noch immer liegt er dramatisch am Boden und Ryori fragt verwirrt: „Ist mit dir alles okay? Hast du-.. Vergiss es. Aber deine Aussage macht nicht mal Sinn. Wieso solltest du durch das Behaupten, sie wäre der vierte Jester, die Wahrheit aus uns herauskriegen? Das wäre nur eine noch bessere Möglichkeit sowas zu verschweigen. Aber andere Frage. Wenn sie nur ein kleines Seelenteil in sich trägt, ist sie dann relativ schwach?“
„Sehr schwach. Nicht einmal in der Lage, Erashin zu benutzen. Oder das Jester Äquivalent dazu. Auch wenn das den selben Namen trägt. Daher macht es nicht wirklich Sinn, dass wir sowas besitzen. Nun. Das ist jetzt auch egal. Alles was ich wollte war, dass sie wieder hier ist und Leute in ihrer Nähe hat, die sie beschützen. Dazu hat sie ihre Schwester bei sich, durch welche sie sich noch wohler fühlt. Dementsprechend ist alles gut. Reißt ihr nun los, denn der Tag ist noch Jung. Ich für meinen Teil werde – so wie immer – zuschauen. Denn für die Zuschauer ist diese Geschichte hier wohl am interessantesten. Bye bye.“ Er verschwindet im Boden und lässt die Gruppe an Freunden verwirrt zurück.
„A-Also ist sie-… Ja.“ „Sie ist das Mädchen, aus welchem später Jaster, Jeyliz und die restlichen Jester kamen. Der erste Jester sozusagen.“ Wie ein Spielzeug vor einem Schaufenster wird das Kind von den Leuten um sie herum betrachtet. Ein unwohles Gefühl überkommt sie, weshalb sie sich umdreht, Liliths Hand nimmt und nach oben rennt. Sui, Feylin, Akio und Jonathan sind sich ihrem Fehler bewusst. Jemand so anzustarren und wie ein Showstellungsstück zu behandeln ist kein angenehmes Gefühl. Sie wollen sich bei Yoru und Ryori entschuldigen, doch diese denken sich bereits, dass die Vier ihre Fehler verstehen. Veil und Lilith verschwinden nach oben und Yoru sagt: „Haben wir noch genaue Pläne? Das Haus hast du ja bereits gekauft. Richtig, Jonathan?“ „Richtig. Für 30.500 Ruben und eine gratis Bootsfahrt auf einem Schiff, welches ebenfalls ein Restaurant auf sich trägt. Das ‚De Frogé‘ wird es genannt und soll sehr gut sein. Wie das damalige De Fishe, nur noch teurer und besser. Die Fahrt findet aber erst in einiger Zeit statt.“
„Wieso hast du diese Schiffsfahrt dazubekommen?“ „Gute Frage, Sui. Er meinte nur, er wäre Seefahrer und das war auch schon alles. Vielleicht ist es ja sein Schiff. Sein Restaurant kann es nicht sein, denn er sagte, sein Haustierfrosch wäre der Eigentümer.“ „Bist du dir ganz sicher, dass du nicht wieder an der seltsamen Blume geschnüffelt hast?“ fragt Yoru um sicher zu gehen und Jonathan lacht. „Das habe ich. Aber einen Tag zuvor und in der Nacht, als niemand davon mitbekam. Nun. Sollen wir unsere Sachen mitnehmen und das neue Haus einrichten? Wir werden schließlich einige Zeit dort verbringen, nehme ich an.“
„Das ist eine gute Idee“ redet Ryori vor sich her und ist plötzlich in Gedanken vertieft. Der Junge mit den grünen Augen und den braunen Haaren blickt zu ihr. „Was ist los?“ „Ich habe ein.. seltsames Gefühl. Aber das ist schon der Fall, seitdem du erzählt hast, dass der dritte Jester einst ein Sazuki war. Immer mehr Erinnerungen kommen in meinen Kopf geflogen. Teils unbekannte Erinnerungen. Und teils welche, die gar nicht so alt sind. Von dunklen Orten und mit einem Clown. Aber ich verstehe es nicht…“
„Du solltest dich ausruhen“ empfiehlt ihr Sui und legt ihre Hand auf ihre Schulter. „Im neuen Haus kannst du dich hinlegen, okay?“ „N-Nein, danke. Ich will lieber erkunden, dabei sein, neue Dinge sehen. Das bislang aufregendste, was ich jemals sah, war vermutlich der Untergang eines ganzen Planeten. Und seitdem gab es nichts erwähnenswertes mehr. Aber in einer neuen Welt, die vor allem so abgedreht ist, gibt es tausende Dinge zu sehen und es gibt keine Zeit für Pausen. Zumindest nicht für mich. Aufgeht’s, gehen wir! Aber davor gebe ich den beiden Mädchen bescheid.“ Ohne auf eine Reaktion zu warten rennt sie nach oben und die Blicke von Sui und Feylin wirken beunruhigt. „Ich hoffe echt ihr geht es gut.“
Und plötzlich redet eine Stimme in Yorus Kopf. Nicht die von Jaster. Auch nicht die von Jeyliz. Es ist eine Stimme, die er lange nicht mehr gehört hat. Die Stimme von einem Freund, den er in einem anderen Polygon verloren hat. Jaster meinte einst, alle Polygonabweichungen von Yoru wären nicht mehr existent. Sie würden nun alle in ihm stecken und ihre Erinnerungen teilen. Wie auch Ryori trägt er die Erinnerungen von einige Menschen in sich. Doch wo Ryori die Geschichten von etwa zehn bis zwanzig Menschen in sich trägt, trägt Yoru die von einigen Hunderttausenden in sich. Doch wie kann es nun sein, dass er auch noch Stimmen hört? Sind es nur die Erinnerungen, die langsam durchsickern? Die nach außen wollen, an die Oberfläche. Oder hat es ganz andere Hintergründe?
„Wach auf“ versteht er. „Dein Amb wurde stark beschädigt. Bitte, Yoru. Wach auf!“ Doch dann verschwindet sie. Die Stimme ist weg und ein langsamer, leichter Schmerz befällt ihn. „W-Was war das?“ fragt er sich und wartet auf eine typische Antwort von Jaster. Etwas wie ‚Du Narr. Das war eine deine düstersten Erinnerungen‘. Doch nichts kommt. Erneut fragt er sich, was dort geschah und wem diese Stimme gehörte. Doch noch immer folgt keine Antwort.
Ein ‚Amb‘? Was ist das? Wie kann er beschädigt worden sein? Wieso wurde er darum gebeten, aufzuwachen? Eine neue Stimme beginnt zu sprechen. Die eines Mädchens. „Die Engel kommen. Sie sind gleich da. Bitte. Das wird unser Ende, wenn du jetzt nicht aufwachst. Wir lassen dich hier nicht zurück!“ Und plötzlich, zum krönenden Abschluss, ist nur noch das Flattern von Wesen zu hören. Zehn? Zwanzig? Vielleicht noch mehr? Viel mehr. Deutlich mehr. Es hört nicht auf. Ihr Flattern wird immer lauter. ‚Engel‘ sagte das Mädchen. Ein ‚Amb‘ und die ‚Engel‘. Worte, die unwohle Gefühle in ihm auslösen. Als wäre dort etwas tief in ihm verankert.
„Alles okay?“ fragt Yuro, der in den letzten Minuten neben Yoru stand. Seine Flügel weit ausgebreitet und mit einer roten Klinge in der Hand. Der Junge erinnert sich. Diese Klinge war es, mit welcher er ihn einst fast getötet hätte, dafür zwei seiner wehrlosen Freunde getötet hat. Das geschah in einer Welt, die von den Engeln erobert wurde. Widerwertige Kreaturen, die nichts wollen, außer Leid.
Er blinzelt mit den Augen und sowohl die Flügel, als auch die Klinge verschwinden. Es waren wohl nur Einbildungen. „Alles ist gut“ antwortet er und merkt, wie eine Träne seine Wange hinunterläuft. Schnell wischt er sie weg, dreht sich um und schaut aus der Tür zum Himmel hinaus. Die Wolken glänzen in einem goldenen Schimmer und leichte Winde wehen. Und in diesem Moment kamen Erinnerungen zurück. Erinnerungen, die er willentlich unterdrückt hat. Die an die von den Engeln kontrollierte Welt, doch da ist noch mehr. Denn auch eine andere Welt wurde von den Engeln befallen. Eine, in welcher er vor einer nicht allzu langen Zeit war. Eine hochtechnologische Welt, die aus dem Untergrund kontrolliert wurde. „Wir-.. Wir sollten gleich losgehen. Ich freu mich schon auf das neue Haus. Und das Dorf könnten wir uns auch noch etwas genauer anschauen.“
Wow, Jaster ist so schlau. Einer der besondersten Charaktere
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