Sünde Kapitel 72 – Diskussionen

Die Freunde entschließen sich dazu, den Rest ihrer großen Gruppe zu wecken, damit es endlich zu ihrem Frühstück kommen kann. Somit bricht Yoru auf, um Johanna und Aelyn zu wecken, während Akio Jonathan weckt, der sofort erzählt, er habe einen seltsamen Traum gehabt. Nun sind sie alle erwacht und können gemeinsam zum großen Saal marschieren, wo Sling Halt macht und sie fragt, ob sie denn schon wissen würden, was sie zu Essen möchten.

„Was wäre denn alles da?“ fragt Sui und meint: „Ich dachte, es stünde nur Brot und Gebäck zur Auswahl.“ „Prinzipiell schon. Der Belag ist allerdings das Herz des Frühstücks. Käse, Wurst, Pfirsichmarmelade, eingelegte und sonnengetrocknete Tomatenscheiben, Paprika, Peperoni und vieles mehr. Gibt es bestimmte Wünsche? Oder soll ich einfach mal alles rausholen, was es da hat?“ „Wurst und Käse wären auf jeden Fall nicht schlecht“ denkt Akio. „Und beim Rest würde man dann nehmen, was es so da hat.“ „Dann also ein bisschen von allem. Klingt gut!“

Dann läuft er weiter, betritt die Küche und wird von einigen von ihnen begleitet. Allerdings ist in der Küche bei weitem nicht genug Platz für alle vorhanden. Somit sind es hauptsächlich Yoru, Sui, Akio und Jonathan, die mithelfen. Jonathan schneidet ein paar Brot- und Baguettescheiben runter und Sui teilt ein paar Brötchen in Zwei, die Sling in der Früh noch in den Ofen schob. Yoru holt Käse und Wurst aus dem kalten Keller und Akio hilft beim Zusammenstellen der wichtigsten Zusatzbelage wie die erwähnten eingelegten und getrockneten Tomaten oder die Peperoni.

Sie brauchen nicht lange, bis sie bereit sind, alles auf einen der großen Tische anrichten und sich ringsum um diesen herum setzen. Über ihnen ein greller Kronleuchter. Draußen ist es deutlich heller, wie noch vor einer Stunde. Die Natur ist gut zu erkennen. Der Wind wurde deutlich schwächer. „Guten Appetit!“ „Guten Appetit!“ „Lasst es euch schmecken!“ Ein wunderbares Frühstück beginnt. Alle beisammen am Tisch.

Am langen Tisch inmitten eines alten, edlen Zimmers. Aus den Wänden ragen wohlgeformte Pfeiler empor, die das Dach stützen. Gemälde, Vasen, ein Tisch mit einer Landkarte, eine schöne Fensterfront. Mittig der Tisch und an diesem zwischen zwanzig bis dreißig Leute. Darunter Kauzo, E’Phir, Martias, aber auch neue Anhänger wie Ridon Emò und Joana Taamel sitzen hier. An der Spitze des Tisches der Veranstalter des großen Mahles. Bis zu diesem Zeitpunkt ist sich Kauzo überaus unsicher, ob er auch ihn als potentielle Möglichkeit an die Spitze sehen soll. Als einer, über den er an noch viele weitere Kontakte gelangen könnte. Dabei hat er schon genau so einen in seinen Reihen. Es ist der Dunkelelf Vumòn – ‚Der mit den vielen Kontakten‘. Durch diesen kamen sie überhaupt erst hier rein. In dieses Treffen an korrupten Adeligen, Rittern, Kriegsführern. Eigentlich sollte jeder einzelne in diesem Raum zu überzeugen sein, solange das Geld stimmt. Doch da liegt das Problem. Sie haben keins. Zumindest bei weitem nicht genug, um es für ein paar neue Anhänger auszugeben. Doch was, wenn sich hier weitere Deadra aufhalten? Diese sollte er mit Leichtigkeit davon überzeugen können, dass Evadaem die beste Investition überhaupt wäre. Trotzdem hat er Angst. Angst, zu viel zu verraten. Angst, dass das große Projekt in die falsche Hände gerät.

Sollte der Adel genau jetzt von der Existenz dieser Deadrastadt erfahren, sieht er keine Möglichkeit, sie noch zu retten. Dafür ist sie einfach noch nicht weit genug. Auch hat er vor, die alten Drachenstätten aufzusuchen. Jene Orte waren es, wo die Drachen sich erhoben haben, aus den tiefen der Erde und an die Oberfläche bis in den Himmel. Racosch war es, der sie herbeirief. Er riss Landschaften in Zwei und aus den tiefsten Kluften kletterten diese majestätischen Biester hervor. Ihre Urgeschichte ist demnach mit den Deadra verknüpft. Kein wunder also, begeistern sie den Anführer so sehr. Wenn er nun die Geburtsstätten aufsucht und dort betet, ja, so glaubt er, die Drachen noch mehr auf seiner Seite zu haben. Mehr, als je zuvor. Eine ganze Horde, welche Evadaem auf ewig beschützen könne. Das wäre ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Doch zuvor wird er Ridon begleiten und sich um die Rohstoffe der westlichen Miene kümmern, denn eine gute Rüstung ist ebenfalls essentiell, um große Angriffe des Staates zu überstehen. Außerdem gilt es, die Leute noch mehr in der Magie zu lehren und alte Magier für sich zu gewinnen, damit diese einen Tarnschleier um die Stadt legen können und im Falle eines Krieges wären sie ebenfalls sehr gute Fernkämpfer.

So oder so liegt sein alleiniger Fokus darauf, die Stadt am Leben zu erhalten und das auf den verschiedensten Wegen. Somit kann er es sich nicht erlauben, ihre Existenz blindlinks heraus zu posaunen. Stattdessen muss er abwarten und schauen, wem er zu vertrauen vermag. Dann, irgendwann, wird Martias angesprochen und gefragt, wer er eigentlich sei und was er so tun würde. Kurz schaut er zu Kauzo rüber, ehe er sich auf der Stelle etwas ausdenkt und meint: „Ich bin ein wandernder Geschäftsmann und höre auf den Namen Martias.“ „Geschäftsmann also?“ wiederholt einen Dame und fragt: „Kennt man euch?“ „Manche kennen mich bestimmt, viele allerdings auch nicht. Das trifft aber auf so ziemlich jede Person auf der Welt zu, würde ich meinen. Daher bringt diese Antwort bestimmt nicht viel.“ Schon jetzt wird klar, dieser Kerl und seine Begleiter sind nicht so, wie der Rest. Seine Antwort – auf den ersten Blick seltsam – wirkt zugleich so durchdacht, so bodenständig, so real. Dann fragt die Frau den nächsten, E’Phir, wer er sei und was er tun würde. Er öffnet den Mund, zögert aber, denn weiß er nicht, ob er wirklich seien Namen offenbaren solle oder ob manche der hier sitzenden den Schluss ziehen können, dass er die einstige rechte Hand des Königs selbst war. Nur der Vorname, ja, das sollte passen. Diesen spricht er aus: „Merius. Guter Freund von Martias und ähnlich tätig, wie er es ist.“ „Und ihr?“ „Kauzo. Kauzo Ketsu Amori. Viel unterwegs und stets bemüht, aus dieser Welt stückchenweise einen besseren Ort zu machen.“

„Wie das?“ fragt der Mann an der Spitze des Tisches in einem kühnen Ton. Der, der dieses ganze Mahl veranstalten ließ. Kauzo antwortet: „Ich komme, handle, spreche Worte, vollführe Taten. Ich möchte der Welt ihre Fehler klarmachen. Ich will, dass jeder einzelne über sich selbst nachdenkt und über das, was er tut und denkt. Ich möchte, dass das Volk bewusster wird, ein Bewusstsein entwickelt, sich über sein Verhalten im klaren ist. Dafür halte ich Reden, spreche unter vier Augen – ich tue, was ich kann. Und ihr? Wer seid ihr?“ Da redet der Veranstalter zum ersten Mal an diesem Abend über sich selbst und erzählt: „Mein Name lautet Eberhardt. Eberhardt von Fanor. Ich war Pfarrer, später Priester und letzten Endes ein Fürst und ich hatte so ziemlich alles, was man sich hätte erträumen können. Und trotzdem… hat etwas gefehlt.“ „Die uralte Erzählung: Alles haben und dennoch unglücklich sein. Oder?“ „Ganz genau. Das ganze zog sich über eine lange Zeit. Über Jahre, Jahrzehnte. Irgendwann, da wollte ich nicht mehr. Ich verließ dieses Verlies, welches man einen ‚Palast‘ nannte und kehrte zu den Ursprüngen zurück. Zur Natur, die uns schuf und unsere Stärken und Schwächen. Und es war schön. Trotzdem merkte ich immer noch, dass da etwas fehlt. Und so kam es dazu, dass wir alle nun hier sitzen. Denn ich suche und das nach Leuten, die nicht in dieses große Konstrukt passen. Nach welchen, die sich vom Adel distanzieren, vom gewöhnlichen Volke, von den Gewohnheiten dies Welt.“

„Distanzieren von dem, was einem als Freiheit verkauft wird“ spricht Kauzo und die Augen von Eberhardt weiten sich ein wenig. Der Deadra fährt fort: „Das Leben in diesem von Adelshand geschaffenen Weltenkonstrukt soll Freiheit bedeuten. Die Freiheit zu tun und zu lassen, was man möchte. Und trotzdem pattroulieren Soldaten jede Stadt, an Toren zahlen die, die zu handeln versuchen, die Lüfte werden kontrolliert, Armeen werden für Schlachten ausgebildet, zu denen es nie kommen soll. Es ist ein Lügenkonstrukt. Eine Welt, in der die Freiheit nur zweitrangig ist oder gar fünftrangig. Hoch oben stehen Macht, Geld und Pracht. Volkesstolz mit großen Bauten und Statuen. Jede Zivilisation soll die beste werden. Jeder Aristokrat möchte das glorreichste Gebiet führen. Es ist ein Rennen um Macht und Ansehen, welches niemanden Lebens bereichert.“ Eberhardt fährt diesmal fort: „Die Armen werden vertrieben und todgeschwiegen, nur die eigene Religion wird geehrt, nur wenige Gottheiten erhalten eigene Tempel oder Gebetsstätten. Selbst in den höchsten Reihen herrscht Verrat. Man sieht, wo bröckelig die Fassade von dieser ach so prachtvollen Welt ist, die der Adel versucht einem zu verkaufen.“ „Und deswegen gilt es, die eigene Freiheit zu ehren, wie nichts zweites. Wenn ihr gestattet, ich würde gerne unter vier Augen sprechen. Sobald wir fertiggegessen haben, versteht sich. Auch möchte ich euch dem Rest der Versammlung nicht wegnehmen, also fahrt bitte mit eurer Rede fort.“

Eberhardt lacht. „Nicht nötig, denn das, was mir brennend auf der Zunge lag, konnte ich bereits loswerden. Nun esst weiter, denn es wird mit jedem gesprochenen Satz kälter. Und ihr, Männer und Frauen, werte Gäste, möget auch ihr eure Meinung äußern, insofern ihr nichts dagegen habt.“ Dann isst Kauzo genüsslich weiter und die erste Diskussion beginnt. Ein Mann gegen die Behauptungen von Eberhardt und Kauzo und meint, diese Welt sei wahrlich frei, denn Freiheit heiße, zu tun und zu lassen, was man möchte. Dann spricht eine Frau auf und geht auf den Religionspunkt des Veranstalters ein: „Manche Völker werden von einer Gottheit besser behandelt, wie von anderen. Das ist der Grund, wieso diese dann einen Tempel gewidmet bekommen. Wer einen anderen Glauben hat, hat die Freiheit, in eine andere Provinz zu ziehen. Eine, wo der eigene Glaube geteilt wird.“ Dann aber sagt eine dritte Person: „Man sollte überall das Recht und vor allem die Möglichkeit haben, zu jeder Gottheit beten zu können.“ Die Diskussionen weiten sich aus, doch die drei Deadra distanzieren sich, schneiden vom Fleisch runter und packen etwas Gemüse auf die Gabel. Die Zeit vergeht, die Stimmung steigt und sinkt. Selbst die, die anfangs wenig äußerten, sind nun teil der hitzigen Unterhaltung. Es kommt gar soweit, dass eine Person den Tisch verlässt und geht. „Wenn ihr so gegen den Staat seit, dann verlasst doch einfach dieses Land!“

Dann kichert Kauzo. „Was amüsiert euch?“ fragt Eberhardt. „‚Verlasst das Land!‘ sagt er und verlässt selbst dabei den Tisch. Feige.“

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