Sünde Kapitel 32 – Krank

Yoru und dessen Freunde befindet sich inmitten einer Schlacht gegen ein halbes Dutzend an ummauerten Lagern mit fast 100 Monstern. Doch dank einer Idee von Sui, sie könnten von der Luft aus angreifen und dabei Explosionen verwenden, welche sich idealerweise dafür anbieten würden, die Monster innerhalb ihrer Mauern – alle auf einem Fleck – auf schnellster weise auszuschalten. Und tatsächlich hat genau das funktioniert. Die eisigen Bomben Yorus sind sofort explodiert und haben die feindlich gesinnten Kreaturen zum erfrieren gebracht. Manche, die umflogen, sind gar zerplatzt. Derweil zog Jonathan von Lager zu Lager und nutzte Magie mit seinem neuen Hammer gepaart, um mit mächtigen Schlägen die Wände zum Einsturz zu bringen und die sich dahinter befindenden Kreaturen zu erlegen.

Es dauert insgesamt keine volle Stunde, bis fast jedes der Lager zerstört und ein Großteil der Monster getötet oder vertrieben wurde. Im Anschluss ist die Freude groß. „All das haben wir meinem Einfallsreichtum zu verdanken“ scherzt Sui, doch Yoru stimmt ihr zu. „Das war tatsächlich eine richtig gute Idee.“ Sie, verwundert: „Echt?“ „Natürlich! Wenn wir gegen jedes Monster einzeln gekämpft hätten, dann wären wir jetzt noch lange nicht fertig. Ein paar Lager hätten wir noch vor uns. Sicherlich über die Hälfte. Aber dank dieser Lufttaktik sind wir schon fertig und können uns zudem ein gutes Mittagessen genehmigen.“ Da erinnert sie sich wieder an die Belohnung dieser gesamten Mission. „Stimmt! Schnell! Lecker Essen! Ich kriege nämlich so langsam wirklich Hunger.“ Da kehren sie zurück. Hinter ihnen die Hügel voller Sträucher und Bäume, die Flüsse, das halbe Dutzend an zerstörten Lagern und all die von Monsterhand erbauten Brücken, die über jene Flüsse führen. Eine dieser Brücken wandern sie entlang. Sie wackelt, knirscht, droht gar einzustürzen. Zumindest glauben sie das. In Wirklichkeit passiert überhaupt nichts.

Auf der anderen Seite angekommen geht es den engen Höhlenpfad entlang, zurück zu dem blassen Hang und den Wiesen, weit hinten das Zelt des Mannes, der ihnen verriet, wie man zu den doch recht versteckt gelegenen Lagern gelangt und am Ende des Hanges eine große Wiese, von einem dichten Wald gefolgt. Hinter diesem muss die Straße liegen, die sie vorhin noch entlanggefahren sind. Dass ihnen dieser Hügel nicht auffiel – sonderbar. Wiederum auch nicht, denn verdeckt der hohe Wald wirklich ein großes Bisschen der Sicht, denkt sich Yoru.

An jenem großen Walde angelangt sind am Boden ein paar Blumen und Pilze zu sehen. Mehr allerdings auch nicht. Unbeeindruckt wird daran vorbeigelaufen. Ebenso an all den Bäumen, als sie ein paar singende Vögel hören und ein einzelnes Schaf bemerken, welches vor ihnen wegläuft. Yoru würde ihm am liebsten hinterhergehen und schauen, wohin es möchte. Dabei wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit egal wohin gehen. Hauptsache weit weg von den neun Störenfrieden. „Habt ihr schon eine Ahnung, was ihr essen werdet?“ fragt Sui und Akio überlegt: „Fisch ist immer ziemlich lecker.“ „Vielleicht irgendwas mit Nudeln“ murmelt Yoru, woraufhin auch Johanna sagt: „Nudeln und dazu irgendwas anderes. Aber etwas, was schön warm ist und cremig. Mit vielen Pilzen!“ „Da krieg so langsam selbst ich Hunger“ scherzt Fozra. Endlich erblicken sie nach der kurzen Weile die Straße und tatsächlich ist es genau die, die sie vorhin schon einmal sahen. Sui schmollt. „Hätten wir doch nur die Kutsche mitgenommen. So ein Mist…“ „So weit ist das doch gar nicht zum Laufen.“ „Aber es geht fast nur bergauf!“ „Okay, das ist wirklich etwas blöd.“ „Zudem sind wir den Weg vorhin schon einmal entlanggegangen. Wenn, dann will ich mal was ganz neues sehen. Menno.“

Der Weg zurück: Nicht der Rede wert. Einen Hügel hinauf, links abgebogen, an Bäumen und einem See vorbei und zurück zur Stadt. Es wurde nicht all zu viel geredet. Die darauffolgende Ruhe nutzten einige und machten sich Gedanken über die verschiedensten Dinge. In ihren Köpfen ging es ums Essen, um die Natur, die Umgebung, aber auch darum, wie es später weitergeht, wo sie noch einmal im Gästezimmer von Sling übernachten werden, wir sie diesen vielleicht nie mehr wiedersehen. Darum, wie aufwendig diese Quest bislang ist und wie viele Punkte sie durch diese erhalten werden, von denen sie sich schöne Rüstungen und tolle Waffen holen können. All das natürlich nur, sollten sie erfolgreich sein. Aber ist es nicht vorstellbar, dass sie jetzt noch einen entscheidenden Fehler machen. Schließlich haben sie nur noch eine letzte, lange Reise vor sich. Eine Fahrt, die vielleicht fünf Stunden dauern wird. Zurück nach Yiruozog und dann weiter in Richtung Süden. Auch, aber, geht es um diesen Ritter, den sie vorhin trafen. Jener, der seine letzten Minuten nutzte, um sein Wissen zu teilen. Ganz egal, ob dies seine Intention gewesen sei, oder nicht – für Yoru ist er eine Inspiration. So möchte auch er wachsen und teilen, was er teilen kann. Ein Lehrer sein und das für diejenigen, die ihn so nötig haben, wie niemand sonst. Er möchte etwas hinterlassen.

Im Dorf angekommen, alle außer Atem, wollen sie Johanna und Aelyn das Speisehaus zeigen, denn war es zwar breit, groß und grob, aber auch sehr schön – mit hohen Fenstern und Blumenkästen, einem Vorhof mit vier Tischen und einem Kamin. Doch sind die Straßen voller, je weiter sie kommen. Bis hin zur Brücke, wo sie kaum noch durchkommen. Wieso das? Erst verstehen es die Freunde nicht. Doch dann fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen. Die Masse an Personen versammelt sich um den Baum mit den blutroten Blättern. Sofort ahnt Yoru böses, will vortreten und die Leute warnen, Abstand zu halten. Aber viel zu spät. Denn kann er kurzzeitig zwischen den Schultern und Köpfen hindurchschauen und sieht, wie dort zwei Menschen stehen. Sie beide von Wurzeln umschlugen und an den Baum gebunden, der sie langsam auffrisst. Der Anblick von endlosem Getuschel untermalt. So viele Stimmen, die alle durcheinander sprechen. „Wie kann das nur sein?“ „Woher kam dieser Baum?“ „Glaubst du, die werden das überleben?“ Für eigene Gedanken kaum noch Platz. Auch auf die andere Seite des Dorfes werden sie so schnell nicht gelangen. Nach dieser Erkenntnis tritt der Junge zu seinen Freunden zurück, von denen zwei neugierig fragen, was da vorne nun vor sich gehen würde. „Es ist dieser Baum,“ erklärt er, wobei er den Rest des Satzes flüstert: „der sich vorhin vor unseren Augen errichtet hatte… Jetzt hat er zwei Leute verschlungen.“ Ihre Augen werden groß. Jonathan fragt: „War es allerdings nicht so, dass um diese Bäume herum giftige Gase entstanden sind, die alle sich drumherum befindenden, die diese eingeatmet haben, ansteckten?“ „Das war mal so – auf jeden Fall. Aber von diesen Miasmadämpfen, wie sie, glaube ich, hießen, sieht man jetzt kaum noch was. Dafür fangen die Bäume jetzt an, Leute zu fressen. Ein wirklich guter Ersatz ist das jetzt nicht.“ „Keinesfalls. Dann hat sich diese Krankheit, falls man das denn so nennen kann, also weiterentwickelt, um noch gefährlicher zu sein.“ „Nicht wirklich“ erwidert Yoru. „Gefährlicher ist es nicht unbedingt. Die Gefahr war zuvor größer, selbst angesteckt zu werden. Wie ich es sehe, wird es nun weniger Kranke geben, dafür allerdings mehr und schnellere Tode.“

„Dieser Mann ist Krank! Er muss getötet werden!“ Es herrscht Unruhe. „Mein Herr, ich bitte sie – setzen sie sich! Dieser Mann kann nichts dafür!“ „Ob er etwas dafür kann,“ spricht Zenelith, „oder nicht, darum geht es nicht! Er ist krank – eine Gefahr für diese Welt! Gar, wenn er von Stimmen besessen ist, die ihm zuflüstern, zu morden!“

Zenelith saß in einem alten Tempel, wo Tempelschwestern die Kranken pflegten. Doch sprach einer von ihnen, er solle einen Halbgott ermorden. Zenelith – der einzige Halbgott in diesem Raum und wohl der einzige auf dieser Welt – ahnt, etwas übles geht vor sich und spricht er auf, wenn nicht auch um sich selbst zu schützen:  „Wenn dies wirklich von einer Krankheit kommt, die ihm langsam den Verstand raubt, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis dieser Mann und auch die anderen seinesgleichen den Stimmen nachgeben und zu töten beginnen. Besser kümmert man sich schon jetzt darum, als dass man bis zum letzten Moment wartet und Tragödien riskiert.“ Eine Tempelschwester des Imuja-Tempels fragt beunruhigt: „Wie meinen sie das?“ „Ganz einfach. Schnell einen Heilweg zu finden – oder ihn zu töten.“ „A-Aber… Wir haben keinen Heilweg! Es gibt keinen! Wir haben alles probiert und selbst die heiligen Gottheiten um Hilfe gebeten. Einer diese Seuche, diese Krankheit – schiere Hexerei, die alles irdische Übertrifft!“ „Wenn es sich um Hexerei handelt – umso besser. Dann tötet diese Mann! Er ist Krank – eine Gefahr für diese gesamte Welt!“ „Mein Herr, ich bitte sie – setzen sie sich! Dieser Mann kann nichts dafür!“ „Ob er etwas dafür kann, oder ob er nichts dafür kann, ja, darum geht es nicht! Gar, wenn er von Stimmen besessen ist, die ihm zuflüstern, zu morden!“ „E-Er ist nicht der einzige! Laut ihm gibt es ganze Soldaten- und Söldnerscharen, denen es ähnlich geht. Welches Recht hätten wir also, ihn allein zu töten und das dafür, dass er den Mut hatte, sich Hilfe zu suchen?“

„Dann müssen sie eben alle sterben!“ Er tritt einen Schritt vor. Der Blick ganz star.

„Eine Gefahr dieser Welt darf nicht toleriert werden. Schon einmal ließ ich alles sein. Der Fokus auf des Geistes selbst gerichtet. Wie ein Egoist, denn ein solcher steckte mich an. Jetzt, aber, halte ich meine Augen weit offen und ich sehe und ahne, was andere zu übersehen versuchen.“

Seine Hand wandert zum Griff der breiten Klinge, die seinen Rücken hütet. „Dieser Welt schwor ich, ganz egal, was geschehen mag – ich werde sie hüten. Egal, wer sich mir in den Weg stellt.“ Eine schnelle Bewegung und er hält das Schwert mit beiden Händen vor sich. Die Spitze auf den Tisch mit dem Kranken gerichtet. Die Schwester daneben, ihre Finger am Zittern, stellt ich vor ihn und auch die anderen im Raum nehmen Positionen ein, als wollen sie den roten Ritter aufhalten. „Dann muss es eben so sein. Denn für meine Welt werde ich alles tun!“ Er rast auf sie zu. Ein Dutzend an Projektilen wird abgefeuert. Alle zur gleichen Zeit. Flinke, grüne, spitzgeformte Lichter und ein greller Strahl. Doch er weicht zur Seite, lehnt sich zurück und vollführt eine Ausweichrolle, woraufhin er sich unversehrt erhebt, die Hand auf eine der Schwestern richtet und zugreift. Urplötzlich bricht sie zusammen. Die Damen in Roben um sie herum können ihren Augen nicht trauen. Wieder versuchen sie, den Mann zu treffen. Diesmal durchtrennt er ihre Magie mit seiner einfachen Klinge. Etwas, was gar nicht möglich sein sollte. Da verschießt eine der hinteren wieder einen Strahl, der ihn frontal auf seinen Brustkorb trifft. Aber er läuft weiter, als wäre es nichts und holt zum Schlag aus und schwingt die Klinge.

Der erste Kopf rollt.

Ein Gedanke zu „Sünde Kapitel 32 – Krank

  1. Richtig interessant. Die Krankheit von Viyrac wird also mit der Zeit schlimmer. Bestimmt haben die Stimmen von den Kranken im Tempel auch was damit zu tun. Auch wieder ein richtig cooles Ende mit Zenelith, der wieder so stark und brutal wirkt 😀

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