Katoku V.3 Ch.4 – Vermisst

Das letzte was wir an diesem Tag machten war, zusammen zu spielen. Es lief recht ausgeglichen. Gegen 22 Uhr schalteten wir die Konsole aus, putzen die Zähne und legten uns in ein Bett. Am Anfang war ich recht angespannt, aber dieses Gefühl ging recht schnell weg.

Der nächste Morgen brach an, ich ging in meine Wohnung und traf Mutter. Sie war fast davor zu weinen. Vater war bei ihr. Auch er stand kurz vor den Tränen. Und ich merkte sofort wieso. Feylin war noch immer nicht zurück.

Nun bin ich hier – im Klassenzimmer der Schule – und warte darauf, dass Kanji den Raum betritt. Nur wenige Minuten bevor der Unterricht beginnt kommt er. Niedergeschlagen. Seine Augenringe noch stärker als sonst, seine Hände voller Narben. Er zittert beim Laufen.

Hat ihm das Takashi angetan? Oder jemand ganz anderes? Seine Eltern vielleicht? Oder wird er dazu gezwungen, diese Steine zu verkaufen und Menschen zu töten?

Nein. Vielleicht war er es auch gar nicht. Nichts spricht dafür. Aber auch nichts dagegen.

Er setzt sich hin, stellt seine Tasche ab und holt das Schulmaterial. An seinem Rücken sind Blutflecken. Etwas stimmt ganz gewaltig nicht. Wie können seine Eltern nichts dazu sagen? Oder sind doch sie es, die ihm das antun?

„Kanji?“ frage ich ihn, mehrere Sekunden nachdem er sich hinsetzt. „J-Ja?“ Seine Stimme klingt gebrochen und schwach. Ich mache mir langsam ernsthafte Sorgen. „Hast du-… Weißt du zufällig, wo Feylin sein könnte? Sie ist gestern spurlos verschwunden und wurde seitdem nicht mehr gesehen.“

„Vielleicht ist sie ja mit den Splittern abgehauen und versucht den Stein zu reparieren. Vorstellbar wäre es.“ Er klingt nicht so, als würde er etwas wissen. „Sicher? Ich habe gehört, dass man diesen Stein nur mit Blut reparieren kann. Und nichts für ungut, aber es wirkt so, als könntest du sie entführt haben, um mit ihrem Blut den Stein zu reparieren.“

Er schaut mir leblos in die Augen. „Dafür benutze ich nur mein eigenes Blut. Was denkst du, wo diese ganzen Narben herkommen? Ich muss irgendwie mein Geld verdienen. Und das mache ich, indem ich diese Steine produziere, repariere und verkaufe. Die Produktion kostet viel Blut. Und es kann nur bestimmtes Blut genutzt werden. Aber frag deinen Vater. Der müsste genaueres dazu wissen.“

Und das war das letzte, was wir an diesem Tag sprachen. Der Unterricht verlief normal, doch ich konnte mich nicht konzentrieren. Ich musste die ganze Zeit an Feylin denken. Wo ist sie? War das nur ein Zufall? Ist sie freiwillig gegangen? Wurde sie von einem kranken Bastard entführt? Alles kann möglich sein. Doch ich bete, dass es nichts davon ist.

Nach der Schule begebe ich mich nach Hause und rede mit Vater über die Steine. „Was sind diese Steine genau? Was können sie und wie werden sie produziert? Wieso sind sie illegal?“

„Menschen, welche starkes Erashin haben, können mit einer Mischung aus ihrem Blut und weiteren Stoffen eine bestimmte Art von Kristall erschaffen. Ein rotes, durchsichtiges Oktagon. Wenn normale Wesen diesen Stein essen erlangen sie Erashin und sind mit dessen Umgang bereits so gut, wie jemand nach 5 Jahre trainiert.“

„Man kann den Kristall essen?“ frage ich verwirrt. „Genau. An sich ist der Kristall hart. Doch wenn er mit Speichel in Kontakt kommt wird seine Struktur luftiger und er lässt sich so leicht wie eine Süßigkeit zerkaufen und schlucken.“

Also meinte Kanji das damit. Er erschafft diese Steine und verkauft sie an Menschen ohne Erashin. Aber würde das bedeuten, dass er selbst ein starker Erashin Nutzer ist?

„Der Junge von dem Feylin den Kristall bekommen hat meinte, dass er mit seinem Blut diese Kristalle erschafft. Also heißt das, dass er ebenfalls Erashin nutzen kann. Oder?“ Vater nickt mit dem Kopf.

„Gut. Das würde auch einiges erklären. Sein ganzer Körper war voller Narben. Und er trägt so wenig Blut in sich, dass er schon nicht mehr richtig laufen kann.“ Doch nach diesem Satz schaut mich Vater verwirrt an.

„Er nutzt so viel Blut dafür? In Blut befindet sich nur eine geringe Menge an Erashin Zellen. Mit jedem Kristall, den man erschafft, schwindet das Erashin in einem selbst und in neuen Kristallen. Aber wenn er so viele Blut benutzt und damit erfolgreich eine große Anzahl von Kristallen erschafft, dann kann es gut sein, dass er ein mindestens so mächtiger Erashin Nutzer ist, wie du.“

Er ist so stark wie ich? Ich würde mich selber nicht wirklich als stark bezeichnen. Ich weiß noch nicht mal, wie man elementare Angriffe nutzen kann. Aber ich trainiere schon seit vielen Jahren. Zwar immer unregelmäßig, meist nur eins bis zwei Mal im Monat, aber trotzdem.

Das würde bedeuten, dass er ebenfalls seit mehreren Jahren trainiert wird. Aber von wem?

Mutter betritt die Wohnung. „Ich habe die Vermisstenanzeige aufgegeben. Wer Feylin sicher hierher bringt bekommt 125.000 Yen. Wer einen entscheidenden Tipp zur Suche gibt bekommt ebenfalls die 125.000 Yen. Die Plakate werden noch heute aufgehangen und die Meldung ins Netz gestellt.“

„Wir können nur beten, dass es ihr gut geht. Möge ihr Schutzengel sie beschützen.“ Wir alle schweigen.

Ich habe mir oft gedacht, dass Feylin einfach verschwinden soll. Sie hatte alles so viel besser wie ich. Sie war wunderschön, hatte einen guten Körper, viele Freunde, war beliebt, bekam alles, was sie wollte, et cetera et cetera. Aber jetzt, wo sie wirklich weg ist, vermisse ich sie mehr, als ich mir jemals hätte vorstellen können.

Der Tag verging ohne erwähnenswerte Ereignisse. Ich schaute mehrere Folgen eines Animes, spielte ein Spiel und schrieb viel mit Iylandra über die Situation. Das war das erste Mal, dass ich ihr davon berichtete. Sie hat mich gefragt, wieso ich ihr nicht schon in der Schule etwas davon erzählt habe.

Ich antwortete damit, dass ich sie nicht belästigen wollte. Woraufhin sie mich dumm nannte. „Wir sind Freunde. Beste Freunde. Freunde sind für genau sowas da. Um zu reden. Du würdest mich niemals damit belästigen, über deine Probleme zu reden. Erst recht nicht, wenn es um sowas geht. Ich bin immer für dich da. Vergiss das nicht.“

Wir schrieben bis spät in die Nacht.

Als es plötzlich an der Tür klingelt. Sofort stehen Vater und Mutter auf und gehen an die Sprechanlage. „Was?!“ … „Natürlich!“ … „Das Geld liegt hier. Kommen sie hoch!“

Vater öffnet die Tür, dreht sich zu uns um und sagt: „Sie wurde gefunden.“ Wir hören die Schritte im Treppenhaus. Ein Junge hat Feylin gefunden und hierher gebracht. Im Treppenhaus ist es dunkel, weshalb ich ihn erst nicht erkannt habe.

Aber als er vor der Tür stand und das Licht der Lampen sein Gesicht traf, da sah ich wer es war.

Kanji.

Vater gibt ihm das Geld, der Junge bedankt sich und geht. Nachdem die Tür geschlossen wird laufen Mutter, Vater und Feylin zur Couch und setzen sich. „Wo warst du?“ frägt Vater sie. „Ich.. weiß es nicht. Alles wurde dunkel. Und dann wachte ich auf. Bei mir war dieser Junge und er sagte mir, dass er mich gefunden hat und eine Vermisstenanzeige steht. Er würde mich nach Hause bringen. Ich bin ihm gefolgt und jetzt bin ich hier.“

So schnell ich kann zieh ich mir meine Schuhe an, öffne die Tür und renn runter. Ich sehe Kanji in der Verne und ruf nach ihm. Er bleibt stehen und schaut mich an.

Ich renne in der kälte der Nacht zu ihm.

Als ich vor ihm stehe frage ich ihn: „Was hast du mit ihr gemacht?!“ „Ich habe sie hierher gebracht“ antwortet er.

„Du kannst mich nicht verarschen. Du warst es, der sie erst entführt hat. Antworte mir! Was hast du mit ihr gemacht?!!“

„Es gibt Dinge, die würdest du nicht verstehen. Orte, die würdest du nicht sehen. Und Menschen, die würden dich Quälen, wenn du zu viele Fragen stellst. Sei Dankbar, dass ich sie hierher gebracht habe. Um Takashi habe ich mich auch schon gekümmert. Ich werde diese Welt reinigen.“

Er dreht sich um und läuft weiter. Ich versuche ihm zu folgen, doch eine unsichtbare Kraft hält mich davon ab. Im selben Moment beginnt er rot zu glühen. Er nutzt Erashin.

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