Blütezeit Kapitel 66 – Zurück in der Heimat

Der Feind rennt auf Yoru zu. Dieser erhebt ohne zu zögern seine Klinge und sticht sie dem Emissär in das Herz, woraufhin dieser einen so lauten Schrei von sich gibt, dass es tatsächlich in den Ohren schmerzt. Ein qualvoller Schrei gen Himmel gerichtet, wo die Sonne scheint. „Mein Herr! Ich habe versagt! Doch wenn euch meine Botschaft erreicht, dann steht eurem Sieg nichts mehr im Wege! Los! Siegt! Denn nur ihr seid der würdige Gott dieser von Schande befleckten Welt!“ Da zerfällt sein Körper auf der Stelle und lässt Yoru, Sui, Ryori, den Oger, Akio und Aelyn sprachlos und mit Gänsehaut am ganzen Körper zurück. Sein Schrei hallt durch das Tal hindurch und bis zum Himmel, wo die Vögel fliegen. „Wow“ sagt Ryori leise. Doch niemanden ging dieser Moment so nahe, wie Yoru, in dessen Armen der Bote von Caelis – „Deus“ – Giovanni starb. Er zittert, atmet tief aus und sagt: „Wir sollten-… Wir sollten weitergehen.“ Aber er kann sich nicht dazu bringen, loszugehen. Er ist wie eingefroren. Da kommt der Oger, packt ihn und setzt ihn auf seine andere Schulter drauf. „Du nimmst dir erstmal eine Auszeit. Jeder bereit zum Weiterreisen?“ „Ich schon.“ „Jup!“ „Jawohl!“ „Dann auf geht’s!“

Das kühle Wetter, zusammen mit dem warmen Schein der Sonne ist ein erfrischendes und wohltuendes Gefühl. Sie fühlen sich motiviert, heute noch viel mehr zu tun. Zumindest wäre es so, wenn da nicht dieser eine Moment gewesen wäre. Dieser eine Moment, der sich in ihre Köpfe eingebrannt hat. Es war nicht der erste Tod, den sie miterlebt hatten. Doch es war der qualvollste. Und das mit Abstand. „Dort hinten sieht man schon die Tore! Es ist nicht mehr weit!“ Teile von ihnen ragen über die Bäume hinüber. Für die nächsten zehn Minuten laufen sie nur den Pfad entlang, betreten den dunklen Wald, durch den vereinzelnd die warmen Strahlen hindurchblitzen und laufen durch das Tor im Südosten in die Stadt hinein. „Endlich wieder daheim“ meint der Oger. Auf seiner Schulter nur noch Ryori, da Yoru knapp zwei Minuten vor der Ankunft abstieg. Nun ist sie es, die absteigt und ihren Dank ausspricht. „Nicht der Rede wert. Nun. Wie geht es weiter?“ „Wir warten“ sagt Sui. „Darauf, dass Illya, Fray und Fozra, Jonathan, Lilith und Yuriuko uns finden. Oder?“ Yoru nickt. „Vielleicht schauen wir erstmal, ob sie in der Nähe vom Gasthaus sind. Dort sollten wir sie am ehesten antreffen können.“ „Dann geht es dort also als nächstes hin“ stellt Akio fest. Ihre kleine Reise geht noch ein Stückchen weiter, als dem Jungen einfällt, dass er Igor dem Lazar Bescheid geben könnte. „Ich werde kurz etwas erledigen. Bis gleich!“ Auch Aelyn meint, ihr ist gerade etwas eingefallen und sie habe etwas von Zuhause mitzunehmen. Und letztlich verlassen Ryori und der Oger die Gruppe, als sie sich dazu entschließen, sich etwas in ihrem Zimmer auszuruhen, bis sich alle wieder zusammengefunden haben. Somit besteht die Gruppe schnell nur noch aus Sui und Akio.

„Ssso schnell? Das issst wirklich bemerkenswert! Gute Arrrbeit. Es wird eine Weile dauern, bis meine Freunde und Kollegen all die Schätze analysiert haben. Ihr kriegt eure Bezahlung am Abend. In Orrrdnung?“ „Nur nicht stressen. Wir haben genug Zeit. Und nochmal vielen Dank für die Möglichkeit!“ „Ich habe zu danken. Bisss bald!“ Er rennt zurück und sieht, dass nur noch seine Schwester und Akio aufzufinden sind. „Was ist passiert?“ Auf ihrem Weg zum Gasthaus erzählen sie davon. „Also werden vermutlich schon bald alle wieder im Gasthaus sein. Dann könnten wir uns eigentlich auch eine kleine Auszeit nehmen, uns etwas umschauen und vielleicht eine Kleinigkeit frühstücken.“ „Das wäre jetzt etwas umständlich. Vor allem, weil wir vorhin daran vorbeigelaufen sind. Aber wir könnten etwas frisches Obst von einem der Bäume pflücken. Egal ob außerhalb oder in der Stadt.“ „Das ist eine gute Idee“ meint Yoru und auch Sui wirkt davon überzeugt. „Da bin ich dabei. Äpfel sind wirklich grandios. Eine meiner Lieblingsspeisen. Und wenn’s Obstbäume gibt, sind Äpfel nicht weit.“ Schnell erschrecken sie sich. „Wo kommst du jetzt schon wieder her?“ „Ich? Ich war nie weg!

Während Aelyn nach Hause läuft und Yoru, Sui und Akio noch unterwegs sind, betreten Ryori und der Oger ihr Zimmer. Sie machen das Fenster auf, setzen sich auf das Bett und ruhen sich aus. „Und sowas erlebt ihr tagtäglich?“ fragt er sie. „Sozusagen. Mal so, mal so. Heute war es schon etwas.. anders, als sonst.“ „Aber ich muss sagen, ich könnte mich daran gewöhnen. Deine Freunde sind netter, als ich erwartet habe. Vor allem der Junge.“ „Ich sagte ja bereits, das sind ein paar der nettesten Personen überhaupt.“ Nach dem vielen Laufen kribbeln die Füße. Nun endlich eine Pause genießen zu können ist wahrlich wohltuend. Langsam legt sie sich ins Bett hinein, streckt alle Gliedmaßen aus und gähnt. Auch er legt sich nieder, den Kopf auf die nach hinten verschränkten Arme und die Augen zu. „Ich bin auch wirklich froh, dass du dabei warst.“ „So nette Worte? Und das urplötzlich?“ „H-Hey! Mach dich nicht über mich lustig! Ich weiß, dass ich oft nicht ehrlich genug bin und versuche, das zu bessern. Ich war früher oft nicht ehrlich genug und wenn sich das so weiterzieht, dann verliere ich mehr, als ich dadurch gewinne… Zum Beispiel dich…“ Die Stimmung verändert sich. „Mich? Mich wirst du so schnell nicht los. Nur keine Sorge.“ „D-Das hoffe ich. Ich-… Ich will dich nicht verlieren.“ Ihre Stimme zittrig. Da legt er einen Arm um sie. „Vergiss nicht, was wir uns geschworen haben. Bis ans Ende aller Zeiten und noch weiter. Nicht einmal der Tod wird uns scheiden können. Verstanden?“ Sie nickt. „Ich-…“ „Ja?“ „Ich liebe dich!“

Sie halten einander fest, als würden sie sich davor fürchten, dass das jeweilige Gegenüber verschwinden könnte, drücken sich, genießen die geteilte, den gesamten Körper überkommende Wärme und küssen sich. Die Lippen können sie kaum noch voneinander lassen, sprechen eine Leibeserklärung nach der anderen aus – jede von ihnen kraftvoller, als die vorherige – und das für zahlreiche Minuten, die letztlich zu einer Viertelstunde werden. Und als sie fertig zu sein scheinen, liegen sie für einen kurzen Moment in ihren Armen beieinander und ruhen sich aus. Denn schon bald geht ihre Reise weiter in eine neue Stadt.

Nur Minuten zuvor stand der mächtige Narr vor einem kleinen See, in welchem zwei Enten umherschwammen. Neben ihm ein Baum, an welchem er sich anlehnt.

Um ihn herum die Laute zahlreicher spielender Kinder. Eines von ihnen lässt kleine Flammen mit den bloßen Händen entstehen. Ein junger Magier. Seine Freunde sind begeistert und jubeln. In der Ferne hört man Violinen spielen. Vermutlich stammen diese aus einem Restaurant ganz in der Nähe. „Verrückt, nicht wahr?“ fragt eine Stimme urplötzlich. Doch als er sich umdreht, ist dort niemand zu sehen. Nur die Kinder, die spielen. Fängt er schon an, durchzudrehen? Da stellt dieselbe Stimme dieselbe Frage noch einmal: „Verrückt, oder?“ „Was?“ entgegnet Jaster. „Verrückt, wie einfach ich mich an dich heranschleichen kann, ohne, dass du etwas davon bemerkst. Ich sollte wirklich Ninja werden.“ Er erkennt die Stimme und versteht, um wen es sich dort handelt. „Wie konntest du mich so schnell finden?“ „Talent. Dich finde ich immer und überall.“ „Das dachte ich mir bereits. Aus diesem Grund habe ich auch keine Botschaft hinterlassen und bin einfach so losgezogen. Und was ist mit Zenelith?“ „Er ist auf dem Weg.“ „Verstehe. Interesse daran, etwas essen zu gehen?“ „Liebend gerne. Wer zahlt?“ „Keiner von uns.“ „Wie?“ Da schnippt er mit den Fingern und sie stehen neben einer kleinen Dreiergruppe an Personen. „Wo kommst du jetzt schon wieder so plötzlich her?“ fragt man ihn. „Ich? Ich war nie weg!“ Auch Chizu offenbart sich und so wird aus der kleinen Gruppe eine noch immer verhältnismäßig kleine Gruppe mit zwei weiteren Personen, die sich nach einem kurzen Gespräch dazu entschließt, etwas essen zu gehen.

Auf dem Weg treffen sich öfters die Blicke von Yoru und Jaster. Letzterer trägt meist ein leichtes, schelmisches Grinsen im Gesicht. Wie sind wieder vereint. „Hab ich dir schon von der großen Höhle erzählt?“ „Große Hähle?“ fragt der Narr verwundert. „Also nicht – super! Dann habe ich gleich mal etwas zu erzählen. Wir waren in einer großen Höhle mit ganz vielen seltsamen Männern, die Magie verwendet haben. Da lagen auch vereinzelnd Menschenteile in den Ecken. Also Hände, Finger und so weiter. Wir haben die ganzen Leute getötet oder verschwinden lassen und die Höhle genauer erkundet. Es gab auch große Statuen, Kisten voller Schätze, schöne Laternen und Kronleuchter und vieles mehr. Das war eine super schöne und coole Höhle, die wir auch einmal besuchen sollten.“ „Ja, ja, das klingt auf jeden Fall nach ’ner interessanten Sache. War bestimmt eine Deadrahöhle.“ „War es“ meint Yoru. „Die herumliegenden Körperteile waren Hinweis genug, um auf jenen Entschluss zu kommen. Und? Was gab’s sonst noch so, was ihr erlebt habt? Großartige Kämpfe? Die Welt gerettet? Familien gegründet?“ „N-Nein… Nichts davon. Bloß weiterhin die Stadt erkundet und-“ „Apropos Städte. Da gibt’s ’nen schönen Ort, den ich tatsächlich empfehlen würde. Nicht, dass ihr euch an meine Empfehlung halten müsstet. Aber ich würd’s schon bevorzugen, wenn’s so wäre. Jedenfalls. Eine schöne Stadt auf Hügeln mit breiten Mauern, vielen Türmen und Windmühlen, mit vielen Flüssen, Bergen und ’nem wirklich tollen Schloss.“ „Das klingt.. ein bisschen so, wie die Stadt, in die wir als nächstes besuchen wollten.“ „Dann hat’s das Schicksal wohl schon gut mit uns gemeint und wollte unsere Wege mal wieder kreuzen.“ Geschwind schaut er zum Himmel hinauf und fragt sich laut: „Was das wohl zu bedeuten hat…

Sie laufen weiter und schauen sich um. Irgendwo wird es sicherlich einen netten Ort geben. Und tatsächlich laufen sie ein paar Treffen hinauf und sehen gleich zu ihrer Linken ein paar Stühle und Tische. „Vielleicht hier?“ fragt Sui, woraufhin der Rest nickt. Ein Tisch hat nur vier Stühle. Daher holen sie sich zwei Stühle von anderen Tischen dazu und setzen sich hin. Es dauert nicht lange, bis eine Bedienung angelaufen kommt, ihnen die Speisekarten reicht und fragt, ob sie denn schon wüssten, was sie zu trinken möchten. „Was haben sie hier?“ will Akio wissen. „So ziemlich alles, was das Herz begehrt.“ „Wasser. Ich glaube, Wasser ist immer eine gute Wahl.“ „Ich nehme auch ein Glas Wasser.“ „Ich auch.“ „Was für Säfte besitzen sie hier?“ „Ebenfalls alle möglichen, nach denen es einem gelüstet.“ „Dann nehme ich…“ Der Narr überlegt für ein paar Sekunden und kommt auf den Entschluss, einfach Wasser zu nehmen. „Also fünfmal Wasser. Kommt sofort.“

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