Minuten vergehen und die Sirenen verschwinden im Lärm der anderen Schiffe. „Sollen wir weiterfliegen?“ fragt Nanago Yoru. „Ich glaub schon, ja. Aber du solltest diesmal wirklich auf das Geschwindigkeitslimit achten. Okay?“ „Okay!“ Sie fliegt im Rückwärtsgang nach hinten und passt auf, keine vorbeifliegenden Schiffe zu rammen, reiht sich ein und fliegt die Straßen der Lüfte entlang.
Eine Gruppe von abertausenden Schiffen, die gleichzeitig in die selbe Richtung fliegen. So etwas könnte man sich nie bildlich vorstellen. Ich schaue zu Nanago, bemerke, dass ihre Brille etwas schmutzig ist und deute sie darauf hin. „Das kommt davon, dass wir so schnell fliegen und der ganze Schmutz gegen meine Gläser fliegt und dort haften bleibt.“ „Wir haben aber eine Windschutzscheibe vor uns?“ Sie schweigt und fliegt weiter.
„Wie weit ist der Abholort ungefähr von hier entfernt?“ fragt Yoru. „Nicht sehr weit. Wir sollten gleich da sein.“ Vorbei an all den Hochhäusern und auch an teils kleineren Häusern mit flachen Dächern, über welche man gut fliegen kann und welche als praktische Abkürzungen dienen. Sie fliegen auf einen öffentlichen Landeplatz, steigen aus und laufen los. Planlos folgt Yoru Nanago, welche den genauen Standort auswendig weiß. Sie sehen auf ihrem Weg mehrere Kinder, welche am Straßenrand sitzen.
Vor dem Haus angekommen klopft sie an der Tür. Ein seltsamer Mann mit lockigen, blonden Haaren steht uns gegenüber. „Was wollt ihr?“ „Wir sind da, um die Ware abzuholen und sie K. Glarados zu übergeben.“ Er lacht. „Sehr gut. Hier.“ Ein kleines, weißes Packet, welches er Nanago überreicht. „Und nicht selbst nehmen, ja?“
Yoru und Nanago drehen sich um und laufen los. Nur noch das knallen einer Tür ist zu hören. Und als sie in das Schiff einsteigen und die Motoren starten, beginnt der zweite Teil des Auftrags – Das Überliefern. Mit hoher, aber nicht zu hoher Geschwindigkeit fliegen sie in die entgegengesetzte Richtung. „Und wie weit ist der Kunde entfernt?“ „Um die zwanzig bis dreißig Minuten. Wir sollten bald-„
Doch mitten in ihrem Satz beginnt der gesamte Planet zu beben. Geschrei ist überall zu hören. Geschrei und Angst. Teils stürzen Häuser ein und Menschen fliegen von den Kanten der Ebenen. Unsicherheit erfüllt alle. Was war das? Was war dieses Beben? Was kann so eine Kraft erzeugen? Ist das die Rache des Planeten? Ist das das Zeichen, dass der Dämon, von dem Jaster gewarnt hat, Agruz, seinen Plan in die Tat umgesetzt hat? Ist alles zu spät?
Aber nein. Es ist etwas anderes. Etwas ganz anderes. Am Horizont, inmitten der Stadt, erhebt sich etwas. Etwas, was gigantisch wirkt. Eine Kugel, hellgrau, bestehend aus glatten Platten. Die Kugel erhebt sich, bis auf 200 Metern Höhe.
„Was ist das?“ „Ich weiß es nicht.“ Die Kugel bleibt inmitten der Luft stehen und alle Monitore der Stadt beginnen eine Übertragung zu starten. Sie zeigt nichts, außer eine schwarze Fläche mit dem weißen Text: ‚Aufgrund zu großer Gefahren und einer Warnung, hat sich Doth Lyrus zusammen mit den Mächten der Stadt in Sicherheit begeben. Von dem Solio Caelesti aus wird er von nun an regieren.‘
„Das Solio Caelesti? Diese Kugel? Eine Warnung?“ Nanago ist verwirrt. „Es klingt so, als hätte jemand Doth Lyrus gewarnt, dass wir hier sind. Oder viel mehr, dass er in Gefahr ist. Und jetzt ist er in dieser Kugel. Ihn dort zu erwischen wird um einiges schwerer, als gedacht. Aber wir sollten noch nicht aufgeben. Noch lange nicht. Wir haben nicht einmal begonnen. Komm, fliegen wir weiter.“
Durch den Schatten, welche die gigantische Kugel wirft, hindurch, bis an die Grenzen des Bezirks. Nach einer guten, halben Stunde des puren Nichtstuns, außer der Musik des Radios zu lauschen, kommen sie an, parken auf einem weiteren Landeplatz und laufen los. Hinein in eine Gasse. „Hier“ flüstert Nanago zu Yoru und klopft an einer Tür. Diese öffnet sich und ein großer Mann schaut uns an. Keine Haare, braune Augen, kaputte Klamotten. „D-Die Ware?“ fragt er und Nanago übergibt sie ihm. „D-Danke. Hier.“ Ein 3000 Ruben Schein.
Dankend laufen wir zurück Schiff und fliegen zurück zum Versteck der ‚Gruppe 666‘. Das war der Name, welchen ich Nanago vorgeschlagen habe und welchen sie so toll fand. Es ist das Gegenteil zum ach so tollen Hangar 777, dem Hangar der Götter. Auf dem Weg reden wir ein Wenig. „Der Auftrag verlief echt super, nicht wahr?“ „Ja, und wie. Ich hätte mehr Komplikationen erwartet. Aber bis auf die Sache am Anfang lief es wirklich gut.“
Der Flug geht gute zwanzig Minuten so ruhig weiter, bis plötzlich erneut Sirenen zu hören waren. Yoru schaut nach hinten und sieht das selbe Schiff, wie schon vor einer Dreiviertelstunde. „Schnell!“ Sofort fliegen sie los, doch die Polizei holt auf. „Verdammte Scheiße. Warte, ich hab ’ne Idee“ meint Yoru. Er hebt die Hand nach hinten und schießt einen Windstrahl.
Was ein Versuch ist, schneller zu werden, wird ungewollt zu einem Angriff. Der Strahl trifft das Schiff der Polizei, was sie beinahe in einem Unfall verwickelt. Das Schiff verliert die Kontrolle und rammt eine Wand. Eine laute Explosion ist zu hören, was Nanago erschreckt. Schnell dreht sie ihren Kopf um zu sehen, was passiert ist, aber rammt dabei ein weiteres Schiff und verliert die Kontrolle.
„Pass auf“ ruft Yoru. „Mach ich doch“ antwortet sie, steuert das Schiff nach oben und gewinnt die Kontrolle zurück. „Das war knapp.“ Alles scheint gut zu sein. Aber keine Minute später geht eine weitere Sirene los. „Verdammt.“ Doch das ist nicht alles. Schüsse fallen. Doch das Dach schützt sie. „In die Gasse dort drüben!“ sagt Yoru und zeigt auf diese. „Verstanden.“
Sie lenkt nach links, auf den Gegenverkehr, und versucht, in die Gasse zu manövrieren. Doch im selben Moment kommt ein weiteres Polizeischiff und rammt sie von der Seite, was ihr Schiff zum Aufprall mit der Wand aus Hochhäusern zwingt. Sie springen raus und Yoru versucht in der Luft Nanago aufzufangen. Es gelingt ihm und kurz vor dem Aufprall auf den Boden schießt er einen leichten Windstrahl, der jeglichen Fallschaden verhindert.
„Ach du meine Güte. Schnell weg hier“ meint sie und die beiden rennen in die Gasse. Die Schiffe versuchen ihnen zu folgen, doch das in die Wand geflogene Schiff erzeugt so viel Dampf und am Ende auch einen Brand, der vorgeht. In der Dunkelheit der Gasse rennen sie in einen weiteren, dünnen Weg, der sie in einer komplett neuen Straße rauskommen lässt.
Sie wandern durch die Straße, befinden sich auf Ebene zwei und sehen verschiedene Gestalten. Sie wirkt wieder komplett anders als die Straße, die sich vor ihrem Versteck befindet. Die, die Erde und Gräßer, Märkte und etwas Leben hat. Diese Straße hier ist kalt und leblos. Der Boden besteht aus Steinfließen, vereinzelnd haben diese Muster. Laternen stehen die Straße entlang in regelmäßigen 5 Meter Abständen voneinander entfern.
Die zwei laufen lange in eine Richtung, bis sie letztendlich einen Laden sehen, der Gleiter verkauft. „Haben wir noch Geld übrig?“ fragt Yoru und ergänzt: „Die 3000 Ruben sollten nicht mal für einen Gleiter reichen.“ Sie schüttelt den Kopf und läuft näher zum Laden. „Er ist geschlossen. Aber ich hätte eine Idee. Yoru. Pass auf, dass keiner Hinschaut.“
Sie nimmt ein Kabel aus ihrer Hosentasche, verbindet ihr Handy und die elektrische Schiebetür miteinander und schreibt einen Code. Nach ungefähren zwei Minuten sagt sie: „Fertig!“ Die Tür öffnet sich und Yoru ist erstaunt. „Wie hast du das gemacht?“ fragt er. „Ich hab das Betriebssystem der Tür gehackt.“ „Du kannst hacken?“ „Ja“ antwortet sie. „Ich bin nicht so dumm, wie du gedacht hast. Ich hab die letzten zwei Tage extra so getan, um dich an einem Moment wie diesem überraschen zu können. Hat funktioniert, oder?“ „Ja, und wie.“
Wir betreten den Laden und schauen uns die Gleiter an. Es sind längliche, abgerundete Platten mit einem Stab an einer Seite, an welchem sich ein Lenker befindet. Man dreht den rechen Griff nach vorne, um schneller und nach hinten, um langsamer zu werden. Die höhe kann man mit dem Drehen des linken Griffes bestimmen.
„Sollen wir die einfach mitnehmen?“ frage ich. „Natürlich. Schließlich brauchen wir sie um diese Stadt zu retten.“ Indirekt hat sie recht. Von daher. Wir nehmen je einen, tragen sie nach draußen und starten sie. „Bist du schon mal sowas geflogen?“ Ich schüttle den Kopf. „Ich auch nicht. Wird sicherlich lustig.“
Wir starten, fliegen nach oben und dann nach vorne. Sie sind nicht besonders schnell, aber schneller, als wir je zu Fuß sein werden. Gleiter fliegen meist am Rand, damit sie keine Schiffe blockieren. Und so machen wir es auch. Nach knapp einer Viertelstunde kommen wir endlich auf der Straße an, die zum Versteck führt. Ich drehe den rechten Griff ganz nach vorne und fliege mit maximaler Geschwindigkeit an Nanago vorbei.
Selbst die maximale Geschwindigkeit ist nichts besonderes. Nanago macht mir nach und zusammen landen sie und ich zur selben Zeit vor der Basis, wo wir die Gleiter vorsichtig reintragen und in einer Ecke des Wohnzimmers abstellen. „Ihr seid endlich wieder da. Ist was passiert?“ fragt Shiro.
„Ehm. Ja, ein bisschen. Aber ich erzähle es dir später“ antwortet Nanago und wischt sich den Schmutz und Staub von der Brille. „Yoru blutet ein wenig. Er sollte die Wunde vielleicht reinigen…“ „Wo?“ fragt er und Shiro deutet auf die Stirn. Er wischt ein mal drüber und bemerkt eine Blutspur an seiner Hand. „Oh, hab ich gar nicht bemerkt. Vielen Dank… Wo ist das Bad?“ „Da vorne.“ Nanago eskortiert ihn an sein Ziel, das Bad, wo er sich ein nasses Tuch nimmt und das Gesicht abwischt.