Sie sind bei der alten Drachenruine. So der Name eines Tempels der Azar, über dem ein Drache zu Fall gebracht wurde. Sein Leichnam liegt auf ihm drauf. In der Decke ein Loch, durch welches der Kopf herunterhängt. Sie liefen interessant ausschauende Treppenstufen herab, als ein lautstarker Knall ertönte, der Boden zu Rumoren begann und die Geschwister am Grund der Treppen ein großes Blumenbeet voller Rauch und Gesteinsbrocken sahen. Mittig mehr rote, außen mehr blaue. Der untote Drache, der herabstürze, inmitten dieses Beets. Von jenen roten Blüten hielten sie sich besonders fern, denn waren es diese, die der Kreatur neues Leben einhauchten, doch konnten sie das Monster im Handumdrehen bezwingen. Nun laufen sie die Treppen nach oben zurück und um ein paar kleineren Steinbrocken, die auf den einzelnen Stufen verteilt liegen, herum, als Chizu ihren Bruder fragt: „Hatte es eigentlich einen konkreten Grund, dass wir hier gegangen sind?“ Da antwortet dieser: „Tatsächlich schon. Dir wird es nicht aufgefallen sein, aber…“
Als sie das Monster erfolgreich geschlagen haben und dieses regungslos in der Wand feststeckte, da entschloss sich Jaster dazu, es endgültig zu verbannen. Denn stellte er erschreckenderweise fest, dass dieses Wesen um ein Vielfaches stärk war, als er es je erwartet hätte. Keine gewöhnliche Person hätte je einen Erfolg dabei, diesen untoten Drachen zu schlagen. Selbst fortgeschrittene Magie würde nur schwer ausreichen. Es hat zwei talentierte und mächtige Magienutzer gebraucht, welche ihre Angriffe perfekt abpassen mussten, um dieses Wesen zu schwächen. Und selbst dann haben sie es noch nicht getötet. Der Narr glaubt fast, es sei unsterblich. So ließ er sich dazu überzeugen, es zu verbannen. In seiner Dämonenform riss er das Maul weit auf und verschlang es am Stück. Nur einen einzelnen Gegenstand spuckte er geschwind wieder aus. Einer, der ihm von großem Nutzen werden soll.


„Du hast also irgendetwas ausgespuckt… Das klingt nicht sehr gut. Ein bisschen wie Gastroenteritis.“ Da wendet er den Kopf zu ihr, schaut sie ganz starr an und fragt: „Kannst du das einmal wiederholen?“ „Oh, klar doch. Ich sagte: ‚Das klingt nicht sehr gut. Ein bisschen wie Gastroenteritis.‘ Nochmal?“ „N-Nein, danke. Ich frage mich lediglich, was für eine alte, verfluchte Sprache du dort sprichst.“ „Irgendwas wissenschaftliches, denke ich. Ist der Fachbegriff für Magen-Darm-Infekt.“ „Okay. Das erklärt einiges. Und nein – ich musste nicht in diesem Sinne spucken. Als das Monster sich erhoben hat, da bemerkte ich, wie’s irgendwas seltsames um eine seiner Rippen hängen hatte. Jener Gegenstand ist’s gewesen, den ich ausgespuckt hatte. Ein Amulett, welches sich öffnen lässt. Und darin fand ich diesen kleinen Frechdachs hier.“ Er holt seine Fast aus der Jackentasche und öffnet sie, während er mit ihr spricht. Zum Vorschein kommt ein dünner, handgroßer, hellblauer, trüber Kristall mit lilafarbenen Rissen und Vertiefungen, der im Inneren pulsierend leuchtet. Das Licht dringt an den lilapinken Rissen besonders hindurch. Die Oberfläche roh, kantig, stellenweise allerdings recht glatt. Er fährt mit dem Finger eine der Vertiefungen entlang und verdeckt mit der Fingerspitze das Licht, als die Fingerkuppel ganz leicht rot leuchtet. Dann wirft er ihn hoch. Ihre Augen noch in die Höhe gerichtet. „W-Wo ist er hin?!“ „Zurück in meiner Jackentasche. Dort, wo ich ihn vorerst aufbewahren werde.“
Sie erreichen das Ende der Treppen. Frische Luft weht ihnen entgegen. Vor ihnen ein großes Loch. Ganz unten das Blumenbeet. Nur nahe an den Mauern ist noch etwas Boden, den sie vorsichtig entlanglaufen können. Zuvor will Chizu jedoch wissen: „Wofür ist der? Der war der Grund, dass wir hier hergekommen sind? Dann sag mir wenigstens, was der macht! Und ein Teil davon will ich ebenfalls haben! Sonst wäre das unfair!“ „Immer mit der Ruhe. Du wirst dabei sein, wenn ich ihn verwende. Hoffentlich wird er dann auch das bewirken, was er soll.“ „Und das wäre?“ „Erstmal gar nichts. Aber wenn man ihn mit ein paar anderen Stücken kombiniert…“ Chizu staunt. „Ist das etwa dieser legendäre Edelstein, mit dem man sich jeden Wunsch erfüllen kann? Das Zeguni?“ „Ne, das hab ich damals gesucht. Gute, alte Zeiten. Seltsam war’s. Das hier ist aber relativ ähnlich, muss man fairerweise sagen. Im Sinne dessen, dass es ein paar verschiedene dieser magischen Steine gibt. Das hier ist einer der Schwächeren. Und dennoch ist er nicht gerade schwach.“ „Und was kann er so?“ „Wie gesagt. Das wirst du sehen, wenn es soweit ist. Die Reise sollte sich allemal gelohnt haben. Als nächstes, würde ich sagen, ruhen wir uns ein wenig aus. Vielleicht ja gar zu Hause.“ „Zenelith sollte auch dort sein.“ „Ah. Umso besser. Dann haben wir gleich mal einen guten Gesprächskameraden.“
Er nähert sich dem schmalen, übriggebliebenen und gebrechlichen Boden und setzt mit dem Fuß an, als Chizu über das große fünf-Meter-Loch drüber springt, als sei es nichts. Da bleibt er abrupt stehen und schaut sie unbeeindruckt an. „Was denn?“ fragt sie. „Das ist irgendwie… billig.“ „Wieso sollte man sein Können nicht anwenden?“ „Weil’s manchmal besser ist, den harten Weg zu gehen. In diesem Fall sogar wortwörtlich. Ich könnte fallen. Mein Leben hängt von diesem kleinen Pfad ab und davon, wie gut ich mich jetzt beim Überqueren von diesem anstelle. Du, hingegen, springst einfach rüber und gehst jeglichem Risiko aus dem Weg.“ „Ich bin halt nicht lebensmüde.“ „Das ist auch sehr gut so. Dadurch muss ich mir dann immerhin keine Sorgen machen, ob du das schaffst, oder nicht. Mir soll’s recht sein. Trotzdem musst du geschwind warten, bis ich drüben bin. Und das bin ich… jetzt. So. War doch gar nicht mal so schwer, wie ich befürchtet hatte. Wohin wollten wir nochmal gehen?“ „Zu uns’rem Zuhause?“ „Richtig, richtig… Moment mal. Dafür betreten wir doch sowieso ein kleines Portal. Wieso haben wir uns jetzt überhaupt die Mühe gemacht, von der einen Seite auf die andere zu gelangen?“ „Weiß ich doch auch nicht. Ich für meinen Teil dachte mir, so ein kleiner Hüpfer macht schon nichts aus. Dann kletterst du auf einmal die Mauer entlang, als würde dein Leben davon abhängen. Das nächste Mal sprechen wir uns besser ab, bevor wir beide irgendwas mache, nur um dann festzustellen, wie unnötig ebendiese Aktion gewesen ist.“ Er nickt, sie schnippt mit den Fingern und ein Portal öffnet sich, durch welches sie nach Hause zurück gelangen, wo Zenelith auf einem Sessel sitzt und sich ausruht. Bis…
„Tagchen aber auch! Lange nicht gesehen! Hab gehört, du bist in der Zwischenzeit zu ’nem Mörder und Tempelzerstörer geworden? Du wechselst ja schneller die Berufung die ich meine Unterwäsche. Ob das jetzt für oder gegen mich spricht, sei mal dahingestellt. Und sonst so?“ Da starrt der rote Krieger Jaster an, ehe er spricht: „Neben dem, was du bereits erwähnt hattest, ist reichlich wenig geschehen. Ich sah, wie sich das Viadaeis ausgebreitet hat, es sich weiterentwickelt hat. Mittlerweile werden die daran erkrankten gar besessen.“ „Ach ja. Sowas haben wir auch gesehen. Da war eine alte Ruine mit ’nem Drachen oben drauf. Also ’n toter Drache. Nur die Überreste – Knochen. Dann sind genau diese herabgestürzt und auf ’nem großen Feld unter der Erde gelandet. Da waren so viele Blumen, die es tatsächlich geschafft hatten, dieses Monster wiederzubeleben. Dann hatte es nur noch im Sinn, uns zu töten. Ein Glück – das erkennt man mitunter daran, dass wir gerade vor dir stehen – hat dieses Monster kläglich versagt. Nichtsdestotrotz war dieses gesamte Geschehen ziemlich nervenaufreibend. Denn können augenscheinlich wohl selbst die Toten durch diese Krankheit zurückgeholt werden. Zumindest die, die über nichts mehr verfügen, als ihre Knochen.“









Als die Freunde mit dem Essen fertig sind und auch die letzten Schlucke trinken, will sich Yoru schon bereit machen, zu zahlen. Dann aber fällt ihm wieder ein, dass sie all das Essen – und die Getränke höchstwahrscheinlich auch – kostenlos erhalten hatten, da sie es waren, die die Monster nahe der guten Tomaten, die hier wohl für einige Essen Verwendung finden, vertrieben haben. Er fragt seine Freunde: „Sollen wir einfach gehen? Oder zahlen wir trotzdem ein bisschen aus Dank?“ „Ich hätte gedacht, dass wie schon ein bisschen was zahlen. Alleine schon, weil dieser Kerl wirklich freundlich war“ meint Sui. Auch Fray denkt: „Ein bisschen könnte man schon liegenlassen. Vielleicht fünf bis zehn, hätte ich gesagt.“ „Wieviel haben wir gerade nochmal grob?“ „Etwas über sechstausend. Die Aufgabe des Lazars hat damals wirklich ungemein geholfen.“ „Dann würden zehn Ruben schon nicht schaden. Oder?“ fragt Sui. Fozra ist allerdings einer anderen Meinung. „Wenn wir einmal anfangen, bessere Ausrüstung zu kaufen, dann sind diese sechstausend Ruben wirklich nicht viel. Zumal waren wir es, die in den Kampf gezogen sind und das hier war unsere Belohnung. Nett war der Besitzer – keine Zweifel. Aber ich hätte gesagt, fünf Ruben reichen da aus.“ „Denke ich auch“ sagt Yoru und holt aus dem Beutel eine einzelne Münze heraus, die er separat in die Jackentasche legt, um sie gleich griffbereit zu haben. Die Getränke werden von einer der Bedienungen abgeholt, die Teller von einer anderen. Dann kommt der Besitzer nochmal kurz vorbei und dankt für den Aufenthalt, als Yoru ihm die Münze reicht. „Als Dank“ erklärt er. „Das wäre nicht nötig gewesen. Aber ich nehme gerne an. Vielleicht sieht man sich ja irgendwann wieder. Und falls nicht: Gute Reise und viel Erfolg!“
Nun stehen sie draußen. Die Mägen voll, die Füße schmerzen. „Dann fahren wir jetzt demnächst zur kleinen Villa zurück. Richtig? Und Yoru bleibt noch etwas länger hier, um sich noch etwas umzuschauen.“ Die Freunde nicken, Yoru nickt. Dann trennen sich auch schon ihre Wege. Die einen laufen rechts entlang, zur Brücke hin, wo noch immer einige Personen stehen und Yoru geht nach links, den Fluss entlang und hin zu einer einzelnen Steinstatue. Vor dieser ein paar Blumen. Rechts und links von ihr je ein etwas größerer Baum. Auf einer Steintafel steht geschrieben: ‚Luzeok – Der Retter von Maudorf; Der, der die Invasion im Jahre 78 gestoppt hat‘. Ist diese Statue denn schon so alt? Einst war sie weiß. Heute von hellgrünen Flecken und Moos übersät. An dem einen Handgelenk viele Risse. Am Sockel viel Erde und der Kopf etwas gräulich. Vielleicht von dem ganzen Regen der letzten tausend Jahre.
So viel Zeit ist vergangen. Und dieses Denkmal wird noch immer gepflegt. Zumindest die Natur drumherum. Das ist beeindruckend, findet Yoru und schaut sich den steinernen Mann genauer an. Gelocktes Haar, einen offenen Ritterhelm mit Feder oben drauf, in einer Hand einen Schild, in der anderen ein Schwert. Die Klinge lang, dünn und Spitz. Die Schultern geschützt, die Arme frei und an den Händen eiserne Handschuhe. Das Erscheinungsbild ist ganz klar ungewohnt. Gleichzeitig würde man wohl etwas derartiges bei einem lokalen Held erwarten. Keiner, der den Großen dient. Ein Ritter, wie er jedem anderen ähnelt. Er hier ist ein Freigeist. Jemanden, den Yoru allmählich bewundert, obwohl er über ihn fast gar nichts weiß.
Die Statue am Ende wirkt richtig cool und interessant. Die Geschichte dahinter würde mich interessieren 🙂
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