Sünde Kapitel 31 – Explosionen

Durch die Scheiben scheint das Licht der Sonne ins Innere. Kein einziges Fenster geöffnet. Die Temperaturen steigen. Ebenso die Kopfschmerzen von Kauzo, der sich genervt die Stirn reibt. Es pocht. Würden sich nur diese Fenster öffnen lassen. „Keine andere Wahl“ wird gemurmelt. Im Anschluss begibt er sich nach oben, an die frische Luft, wo gerade auch der muskelbepackte Trainer Gadadoch ruht. „Grüßt euch“ spricht dieser. Hinter ihm dichte Wälder. Schon seit ihrem Abflug sehen sie im Minutentackt immer wieder dieselben Landschaften. Offene Hügel, lichte Wälder, steile Berge, dichte Wälder, niedrige Gesteinshügel, große Bäume, Seen, Flüsse – all das und kommt einmal etwas neues dazu, dann wiederholt sich auch dies in Windeseile wieder. „Die Grüße richte ich euch, Freund. Sagt mir – wie ist es so hier oben? Denn die Luft auf den unteren Ebenen ist kaum noch auszuhalten. Niemandem sonst macht das etwas aus. Fraglich, ob ich einfach ein zu schlechtes Gemüt habe.“ „Mit Nichten. Ein stickiges Klima ist allenfalls unbehaglich. Und um eure Frage zu beantworten: Mir geht es gut. Fast schon etwas frisch, wenn man denn einmal zur Ruhe kommt.“ „Das kenne ich. Sowas kommt oft schneller, als man meint. War schon jemand anderes hier oben?“ „Bislang seid ihr mein erster Besucher.“ „Dann vergnügt der Rest sich wohl irgendwo unter uns. Dieses schlechte Klima scheint ihnen wohl wirklich nichts auszumachen.“ „So scheint es. Sagt, denn frage ich mich – eure Gäste lässt ihr dort unten ebenfalls allein?“

Kauzo lacht. „Wenn es ihnen etwas ausmachen würde, könnten sie gerne nach hier oben gehen. Schwierig ist es nicht, hierher zu finden. Oder lassen sich die Fenster auf den unteren Ebenen öffnen.“ „Die Fenster?“ fragt Gadadoch und erklärt: „Die lassen sich fast alle öffnen.“ Da ist der Deadraanführer baff. „Mit mir hat es der Fenstergott wohl nicht gut gemeint… Sei es drum. Seid ihr aus einem bestimmten Grund hier?“ „Wenn wir mit diesem Schiff hier am Reisen waren, befand ich mich fast immer an Deck. Es ist ein besonderes Gefühl, jedes Mal aufs Neue, ganz frei in den Lüften umherzulaufen, nicht von hölzernen oder Lehmwänden in Schach gehalten.“ „Ein Freigeist seid ihr also.“ „Wie man es nimmt.“ „Dann eher spirituell? Mit eurem Gerede über Freiheit und dem Ganzen.“ „Auch nicht. Spiritualität hat mir zu viel mit Ethik zu tun.“ „Ethik?“ wiederholt Kauzo neugierig. „Jetzt habt ihr mein Interesse geweckt. Fahrt fort.“ „Wer Spirituell denkt, der hat gewisse Regeln zu befolgen. Einem Weltbild, würde ich behaupten. Und das ist nun wirklich nicht so meins. Lieber handle ich nach meinem Gefühl. Selbst, wenn dies Impulshandlungen zur Folge hat, die es manchmal – dann meist im Nachhinein – zu berichtigen gilt.“ Neugierig lauscht ihm der Deadra, nickt und denkt nach. „Interessante Meinung. So habe ich darüber nie nachgedacht. Spiritualität ist für mich ein Thema, welches Hand in Hand mit dem Glauben geht. Doch geht es eher um die Geistigkeit und dem Bewusstsein. Der äußeren Sicht auf sich selbst und den darauffolgenden Urteilen. Das Einhalten von bestimmten Vorstellungen und Werten ist essentiell. Ihr habt recht.“ „Es ist nicht nur dieses Einhalten. Wer Spirituell denkt, der will das Große sehen. Nicht nur eine äußere Sicht auf seiner Selbst, sondern auf die komplette Welt. Das wäre mir… zu viel.“ „Und trotzdem seid auch ihr ein bisschen spirituell, etwa nicht? Mit Sicherheit habt ihr einmal über euren eigenen Sinn nachgedacht.“

Da schüttelt er den Kopf. „Wirklich nicht?“ „Wirklich nicht. Ich mag der große, starke Kämpfer sein – oder viel mehr wie einer erscheinen -, aber im Inneren, da hadere ich doch sehr und bleibe stets fern von allem, was mich zum sorgsamen Nachdenken bringt. Ich Lebe, um hier zu stehen. Nicht mehr und nicht weniger.“ „Ihr seid interessanter, als ich anfangs dachte. Ja, fast schon ein Gegenstück zum Rest von meinen Leuten. Aber das seid ihr alle. Ihr, der Clown Jestruz, der Knabe Kerito und auch der kleine Möchtegerngott Caelis.“ „Wie ich sehe, hat sich dieser Spitzname nun selbst in deinen Wortschatz verirrt.“ „Jestruz nannte ihn bereits so und auch unser Problemkind Jaster verwendete diesen Namen. Und tatsächlich… bleib er irgendwie hängen. Im Endeffekt beschreibt es das doch auch am besten. Er wäre liebend gerne einer und strebt danach, dieses Ziel zu erfüllen. Den ironischen Unterton können wir gerne ein andermal deuten. Am liebsten dann, wenn klar ist, ob er dieses Ziel denn wirklich erreichen wird oder nicht.“ „Ich glaube daran. Nicht, weil ich es ihm wünsche. Auch nicht, weil ich es hoffe. Aber er hat etwas an sich. Etwas, was ich auch in euren Leuten sah. Dieser sture Blick – ganz Zielstrebig voranzuschreiten, was auch passiert. So sind für mich Personen, die im Großen denken. Die eine Aufgabe für sich gefunden haben und alles für diese aufopfern.“ „Es ist ein schönes Leben“ erklärt Kauzo. „Wenn ihr nichts habt, außer diesen einen Sinn.“ „Und wenn dieser Sinn erfüllt wurde?“ Stille. „Ehrlicherweise ist es das, wovor ich die meiste Angst habe. Wenn es nichts mehr gibt, in dieser endlosen Leere… Dann werde ich mich wohl umbringen müssen.“ Seine Beichte geht Gadadoch unter die Haut.

„Dazu wird es aber nicht kommen. Zumindest nicht vorerst.“ Am Horizont die Deadrastadt Evadaem. Sie nähern sich dieser, laufen herab, sammeln sich am Schiffsausgang und wundern sich, als sie aus dem Fenster blicken und sehen, dass das Schiff sich nicht länger rührt. Verwundert spricht Martias auf, er würde fragen, was los sei und als er am Kapitänsraum ankommt und eintritt, da starrt ihn der Clown erwartungsvoll an. „W-Was ist los? Wieso landen wir nicht?“ „Ich hoffe doch, ihr seid am Scherzen.“ „Wieso das?“ „Schaut selbst.“ Bis zum hölzernen Rahmen, der die große Scheibe umgibt, der Kopf gesenkt und die Augen groß. Ein hölzernes Wrack, stellenweise am Brennen, umgeben von zahlreichen Leuten, von denen einige zu ihnen raufschauen. „W-Was ist dort geschehen?“ „Dasselbe frage ich mich auch. Zumal frage ich mich, wo ich zur Landung ansetzen soll.“ „I-Irgendwo in der Nähe, falls möglich… Wir müssen schleunigst herausfinden, was dort geschah. Ob das unsere Leute sind, oder ob es-… Wir-… Wir haben nur dieses eine Schiff. Das kann keinesfalls ein Unfall unserer Leute gewesen sein. Wurden wir entdeckt?“ „So scheint es zu sein. Und jetzt erbitte ich geschwind Ruhe. Dieses Teil zu landen ist tatsächlich schwieriger, als man meinen würde.“ „Jawohl.“ Sofort zieht er sich zurück, die Treppen runter und spricht bei den Deadra angekommen, die mitten in einer Konversation sind, auf: „Inmitten des Landeplatzes liegt ein geschrottetes Schiff. Wohl oder übel wurde unsere Stadt bereits entdeckt.“ Daraufhin die totale Stille, als das Schiff langsam herabsinkt.

Die Momente bis zur eigentlichen Landung sind die schlimmsten. Geplagt von Sorgen und Spekulationen. Und als das Luftschiff dann endlich steht, sie die Türe öffnen, die Steg auslegen, diesen herablaufen , hin zu all diesen Leuten gehen, da erfahren sie in kürzester Zeit fast alles, was geschah. So heißt es, dieses Schiff wäre am Himmel aufgetaucht, kurz nachdem die Deadra losflogen und stellte eine Gefahr dar, denn wusste niemand, ob dieses Schiff nun zu ihnen gehören würde und, ob es freundlich oder feindlich gesinnt war. Dann aber fing es Feuer, verlor die ersten Teile und stürzte schließlich zu Boden. Nur einer sprang kurz zuvor ab. Derselbe, welcher sagte, er sei für die Zerstörung des Schiffes und für die Rettung der Stadt verantwortlich. Ein junger Bursche mit blauen Haaren und mysteriösen Augen. Sofort weiß Kauzo, von wem die Rede ist. Doch kann er es kaum glauben. „Dieser Kerl hat also das komplette Schiff zum Abstürzen gebracht?“ „So sieht es aus, Meister.“ Kurz ganz zwiegespalten fragt sich der Deadraanführer, ob Jaster vielleicht doch nicht so schlimm sei, wie er immer dachte.

„Kümmert euch um das Wrack. Ihr könnt das Holz wiederverwerten. Ebenso die Technik. Die Leichen können wir zum Erntefest verspeisen.“ „Dann habt ihr also doch daran gedacht?“ sagt Martias erstaunt. „Selbstverständlich. Ich hatte noch Pläne. Aber ob diese noch umzusetzen sind, werden wir wohl oder übel sehen müssen. Gadadoch, folge mir. An den Rest: Tut, was er möchtet. In genau einer halben Stunde treffen wir uns wieder und dann fangen wir mit dem geplanten Training an. Schließlich müssten wir so langsam damit anfangen, unser bisheriges Können zu erweitern.“ Er läuft los. Erst schaut sich der muskelbepackte Mann um. Dann folgt er dem Blonden. Die anderen – darunter auch der Neuzuwachs – laufen in der Gegend herum und schauen, wie weit diese Stadt schon ist. Dabei unterhalten sie sich ein wenig. Vumòn wird gefragt, woher er nun diesen ganzen Sprengstoff habe und dieser erklärt: Ich habe drei separate Kontakte dafür. Einer besorgt mir das Kohlepulver und das kleine Schwefelgestein. Ein anderer hat eine Zusatzkomponente, die wohl essentiell sein soll. Sie liefern es mir an einen Dritten, welcher alles genaustens zusammenstellt, abmischt und mir zuschickt, in form von großen Fässern wie dem, welches über die Stadt abgeworfen wurde.“ „Interessant. Dann hat das also was mit dem Mischverhältnis zu tun. Und wären auch andere Mischverhältnisse möglich? Damit die Bomben beispielsweise größere Schäden anrichten würden oder besondere Nebeneffekte wie Feuer oder Gift hätten?“ fragt Lucius. „Das wäre möglich. Zumindest meinem Wissen nach. Das wäre auch eine Idee, beziehungsweise ein Plan meinerseits gewesen. Giftbomben, die über die großen Städte abgeworfen werden. Doch wäre etwas so radikales nur im Falle eines brutalen Krieges vorstellbar.“

Auch Yoru und dessen Freunde, die sich inmitten einer Schlacht befinden, müssen zu Bomben greifen. Magische Eisbomben, welche der Junge abwirft, während er von Fray und Illya getragen und herumgeflogen wird. Am Boden ist es Jonathan, der mit seinem Hammer zuschlägt, welcher Explosionen erzeugt, die die Wände der Monsterlager zum einstürzen bringen. Auch Sui und Aelyn helfen mit. Jedoch aus der Ferne. Ihre Pfeile und Magie lenken die feindlichen Kreaturen zusätzlich ab. Manche Schüsse erledigen sie gar. Es dauert insgesamt keine volle Stunde, bis fast jedes Lager zerstört und ein Großteil der Monster vertrieben wurde. Im Anschluss ist die Freude groß. „All das haben wir meinem Einfallsreichtum zu verdanken“ scherzt Sui und Yoru stimmt zu: „Das war tatsächlich eine richtig gute Idee.“ Sie, verwundert: „Echt?“ „Natürlich! Wenn wir gegen jedes Monster einzeln gekämpft hätten, dann wären wir jetzt noch lange nicht fertig. Ein paar Lager hätten wir noch vor uns. Aber so sind wir schon fertig und können uns ein gutes Mittagessen genehmigen.“ „Ach, stimmt! Das war ja die Belohnung dafür! Schnell! Ich kriege nämlich so langsam wirklich Hunger.“ Da kehren sie zurück. Hinter ihnen die Hügel und Flüsse und oben drauf das halbe Dutzend an zerstörten und verlassenen Lagern.

Ein Gedanke zu „Sünde Kapitel 31 – Explosionen

  1. Kauzo und Gadadoch passen echt zusammen. Voll die Gegenteile die sich aber irgendwie cool erweitern 🙂 Die Idee von Sui mit den Bomben war auch echt gut

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