Jonathan winkt seine Freunde zu sich. „Hat es geklappt?“ fragt sich Yoru und sie betreten das Restaurant, in welchem der Rothaarige an einem großen Tisch sitzt. Groß genug für fünfzehn Leute. Und so setzen sich Yoru, Ryori, Sui, Manuel, Feylin, Akio, Yuro, Viollet, Lilith, Shu, Karl, Donell, Illya, Fray und Fozra dazu.
Violinen- und Trompetenmusik spielt, welche für gute Stimmung sorgt. „Also hat jetzt alles problemlos funktioniert. Richtig?“ Auf Suis Frage folgt ein: „Richtig.“ Mit gutem Gewissen nimmt jeder die Speisekarte und liest sie sich durch. Beim Namen des Restaurants würde man annehmen, dass es hauptsächlich Froschspeisen auf dieser Karte gibt. Doch tatsächlich gibt es nur eine einzige. Nämlich die Schenkel mit dem Muskelfleisch des Frosches. Weder wirklich lecker, noch eine angenehme Vorstellung. „Wisst ihr schon, was ihr ungefähr nehmen werdet?“ „Vermutlich einen Salat.“ „Irgendwas paniertes.“ „Vielleicht einen Fisch?“ Sie schauen weiter, bis ein Kellner kommt, der sie fragt: „Was darf’s sein?“ Die Augen des Kellners sind seltsam. Die Pupillen oval, die Lederhaut gereizt und bläulich und die Iriden dunkelgrün. Es ist der erste Gedanke, dass es sich bei dieser Person um Jaster handelt. Aber wie? Hat er den Körper des Mannes übernommen? Ist er der Mann? Oder ist das ganze nur ein Irrtum?
„Wir überlegen noch.“ „Verstanden. Ich komme in fünf Minuten wieder.“ Im Horizont wird gejubelt und applaudiert. Die Lichtershow geht weiter. Zumindest schaut es durch das Fenster so aus. „Hast du’s auch gesehen?“ fragt Ryori, die neben dem Jungen sitzt. „Ja, schon vor ein paar Minuten. Wieso passieren so coole Dinge immer genau dann, wenn wir nicht da sind. Ist echt ein verfluchtes Timing.“ „Und wie.“ Sie schauen sich die Lichter an, wie sie sich im Himmel drehen, verschmelzen und plötzlich ein glühender Feuerball zu sehen ist, der immer und immer größer wird. Er platzt, verschlingt das ganze Dorf in Flammen. Plötzlich sind sie weg und alles ist wieder normal. Die Lichter drehen sich und Yoru blickt schnell zu Ryori. Zur gleichen Zeit fragen sie: „Du hast das-“ „Du hast das auch gesehen, oder?“ „Ja. War das ein Teil der Show?“ „Vermutlich. Aber es sah-„
Der Kellner ist wieder da, gleich hinter ihnen, bleibt kurz stehen und flüstert: „Das ist alles Teil der Show. Keine Sorge“, kichert und geht weiter. Die Lichter drehen sich und erneut taucht ein Feuerball auf. Doch dieser scheint nicht zu platzen. Er hört ab einer bestimmten Größe auf zu wachsen, fliegt hoch in den Himmel und explodiert dort. Die Flammen formen Symbole. Eins davon: Ein Auge. Auch ein Wappen ist zu erkennen. Und letztendlich ein Kreuz. „Nun. Was würden sie gerne essen?“ Der Kellner ist erneut da und Jonathan antwortet: „Das Steak mit Kartoffeln und Bratensoße.“ Die Feen bestellen je ein Schnitzel und dazu einen Beilagensalat. Sui nimmt nur einen Salat, Yuro Spaghetti mit Meeresfrüchten, Feylin fragt nach einem Lachsfilet und Akio nach einem Kabeljaufilet. Auch Shu bestellt ein Steak. Im Gegensatz zu Karl, welcher Spaghetti bestellt. Für Donell ist es ein Anreiz ebenfalls etwas mit Nudeln zu bestellen. Und so greift er zu Rigatoni mit weißer Soße und Spinat. Das selbe bestellt Manuel. Nur noch Yoru, Ryori und die beiden Kinder haben noch nichts gesagt. „Wir würden noch kurz überlegen“ meint die Blauhaarige. „Sehr gerne. Ich komme in zwei Minuten wieder.“
Yoru schaut zu Viollet und Lilith, die neben ihm sitzen, und fragt: „Habt ihr schon etwas bestimmtes im Auge, was ihr gerne essen würdet?“ „Nicht wirklich. Das meiste kenne ich nicht“ sagt Lilith und auch Veil hat nie viel verschiedenes gegessen. „Für Kinder ist Fisch echt gesund, aufgrund der hohen Proteine. Vielleicht solltet ihr das essen.“ Er zeigt ihnen die Fischspeisen der Karte. Manche haben kleine Bilder, auf denen man die eigentlichen Speisen sehen kann. „Das schaut lecker aus“ meint Veil und zeigt auf eines der Bilder. Dünne Nudeln mit Lachswürfeln, dazu Brokkoli. „Das will ich auch.“ „Gut. Dann nimmt ihr beide das, ja?“ „Ja.“ „Genau.“ Somit ist nur noch die Frage, was Ryori und er selbst essen werden. Er fragt das Mädchen, welches rechts von ihm sitzt, was sie essen wird. „Das Übliche.“ „Und das wäre?“ „Ich habe keine Ahnung. Vielleicht auch etwas mit Fisch. Ich mag Fleisch nicht sonderlich arg.“ „Geht mir ähnlich.“ Nach ein paar Sekunden der Überlegung ziehen sie den Entschluss, das selbe wie Lilith und Viollet zu bestellen. Sie geben dem Kellner bescheid, der es aufschreibt und anschließend geht.
Im Horizont, gleich über dem Dorf, geht die Show weiter. Auch die Kinder bemerken sie und fragen, was dort passieren würde. „Die Lichter schauen so schön aus.“ „Es ist eine Lichtershow“ erklärt Yoru. „Dabei werden viele, bunte Lichter durch den Himmel geschossen und bilden schöne Muster. Vor allem bei Nacht ist das wirklich beeindruckend.“ Die Lichter, manche klein und rund, andere lang, breit oder groß häufen sich. Einige von ihnen fliegen auf das Dorf zu und erst in diesem Moment fragt sich Yoru, ob es vielleicht doch keine Show, sondern ein Angriff ist. Doch wieso sollte es zu einem kommen? Und wenn, dann wäre das Dorf stark genug, etwas dagegen zu unternehmen. Doch er denkt vermutlich wieder zu viel nach und macht sich unnötig Sorgen.
„Es wäre Kannibalismus, wenn ich Froschschenkel essen würde. Nicht wahr?“ fragt Manuel. „E-Ehm.. Ja?“ „Dann war mein Vater wohl Kannibale.“ Verwirrte Blicke fallen zum grünen Freund. „Kannibale?“ fragt Lilith. „Jemand, der andere Kreaturen der selben Rasse, die ihm angehören, isst. Aber das ist verboten und das machen auch die wenigsten. Also keine Sorge“ erklärt Ryori. Zur etwa selben Zeit, zwischen Ost und West, liegt die königliche Schlossstadt. In dieser befinden sich sechs Männer, in den Gemächern der Burg. Sie stehen um einen flachen Holztisch herum, auf dem einzelne Körperteile eines Menschen liegen. Sie nehmen diese und verspeisen sie. Ihre Kleidung ist recht simpel. Nur weinrote Gewänder, darunter schwarze Stofffetzen, die kaum zu sehen sind. „Gordoch, den Finger bitte.“ „Wie gewünscht.“ Er reicht ihm die Hand, bricht davon einen Finger ab und gibt ihm diesen. Er wird verschlungen.
Laute Schritte ertönen, die sich langsam nähern. Sie kommen von oben, laufen Treppen hinunter und klingen tief. Plötzlich steht dort der König, starrt sie an und schüttelt seinen Kopf. „Wie Tiere“ sagt er leise. „Tch.“ „Und doch seid ihr es, die uns die Kadaver bringen, König Arathur.“ In die Wänden des Raumes wurden Augen gekratzt und von der Decke hängt ein roter Kronenleuchter. Schmutzige Betten stehen an der einen Seite und ein Waschbecken an der anderen Seite. „Dass der Rat des schicksalhaften Auges so haust, unglaublich. Aber ich brauche ein weiteres Mal eure Hilfe.“ Sofort sagen sie nein, wollen ihm nicht helfen. Doch als er mit Mord droht, ändern sie ihre Meinung. Jedoch nicht ins Positive. „Mord ist ein Geschenk. Wir werden erst recht nicht helfen“ sagt einer der sechs weinrotgekleideten Männer. „Dann eben der Tod durch Hunger. Sieben Tage keine Körper.“ Und plötzlich hat er sie in seinen Händen. Ihre gelben Augen werden größer, zittern. Einer ihrer Mägen beginnt zu knurren. „Sieben nach vierzehn, ja?“ Der König nickt mit dem Kopf und geht. Zum morgigen Zeitpunkt, um 14:07 Uhr, werden sie vor seinem Thron stehen und auf weitere Befehle warten.
„Aber wieso ist das verboten?“ will Lilith wissen und Yoru meint: „Es ist unethisch. Ihr würdet beispielsweise auch keine anderen Menschen essen wollen. Oder?“ Sie schweigen. Schweigen, was den Jungen nervös werden lässt. „Jaster hat mal gesagt, dass es normal wäre“ sagt die mit den Flügeln leise und Ryori will wissen: „Nur weil Jaster es sagt, ist es ein Fakt? Vergiss nicht, was der Typ dir alles angetan hat. Er ist eine skrupellose Bestie.“ „Ist das so?“ Der Kellner steht hinter ihnen und hat das Essen auf den Armen stehen. Wie kann es schon fertig sein? „Nun. Wer hat die Schnitzel bestellt?“ „Wir.“ Die drei Feen kriegen ihr Essen, zusammen mit dem Beilagensalat. Auch Jonathan, Akio, Manuel und Shu kriegen ihres. Und mit der dritten und vierten Welle an Tellern kommen auch die restlichen Gerichte. Als alles auf dem Tisch steht, sie ihr Besteck bereitliegen haben und die Magen anfangen zu knurren, kann es losgehen.
Viollet und Lilith wickeln die Nudeln auf ihren Gabeln auf, packen je einen Lachswürfel dazu und beginnen zu essen. „Wow… Das ist wirklich lecker“ sagen sie parallel und kichern. Auch Yoru und Ryori schmeckt es sehr. „Das Fleisch ist wirklich perfekt“ sagt Jonathan. Shu fügt hinzu: „Es ist zart, aber nicht zu weich. Die beste Konsistenz vorstellbar.“ „Und der Beilagensalat ist auch so gut.“ Sie haben alle nur positives zu sagen. Dieses Restaurant ist scheinbar wirklich nahezu perfekt, was seine Speisen angeht. Während dem Runterschlucken fällt Yorus blick ein vorerst letztes Mal zum Dorf, wo nun ein steinerner, dunkelroter Gegenstand emporsteht. Ist das eine Säule? Wurde sie von jemand durch Erashin während einem Kampf erschaffen?
Einige Minuten vergehen, in denen das Schiff weiterfährt. Und als er noch einmal hinschaut, zur anscheinenden Säule, erkennt er etwas. Aus dem langen, breiten Steinstab stehen zwei weitere Steine hervor. Und gemeinsam bilden sie ein unverkennbares Symbol, mit dem so mancher in dieser Familie nur noch Schrecken verbindet – ein Kreuz. Auch Ryori sieht das blutrote Objekt und sagt leise: „Das ist bestimmt nur ein Zufall. Vielleicht wollte jemand einfach ein schönes Zeichen setzen. Keine Angst, ja?“ Und auch dem Jungen fällt erneut auf, wie viel Negativität in ihm hervorkommt. Ryori hat recht. Es kann einfach nur Dekoration sein, kann im Zusammenhang mit der Lichtershow stehen. Das Dorf ist, wie er schon öfters gehört hat, sowieso für seine Religion bekannt. Vermutlich tut er ein weiteres Mal überreagieren, versucht sich nun zu entspannen und die Zeit mit seinen Freunden zu genießen. Denn bislang ist dieser Abend tatsächlich ein sehr schöner Abend.