Gesegnet Kapitel 65 – Ryori wird bald Mutter

Ryori ist plötzlich ganz kalt. War das schon die ganze Zeit über so? Oder erst seit kurzem? Auch die Luft ist hier so stickig. Ihre Psyche spielt ihr mit Sicherheit nur einen Streich. Mehr wie drei Kinder soll sie auf die Welt setzen. Und das in wenigen Stunden. „Nur keine Sorge“ spricht ihr Mann, legt beide Arme unter sie – einen unter die Kniebeuge, den anderen unter ihren Rücken -, hebt sie vorsichtig an und umarmt sie. „Auch wenn das jetzt ein Schock ist, wir überstehen das gemeinsam.“ „Nicht, dass man mich jetzt falsch versteht. Also-… Ich freue mich schon. Sehr sogar. Denn eine große Familie zu gründen, ist auch mein Ziel. Wir sitzen da also im selben Boot, nur keine Sorge. Aber beim aller ersten Mal mehr als zwei Kinder auf die Welt zu setzen, das ist schon eine angsteinflößende Vorstellung.“ „Es wird nicht wehtun“ spricht der Druide. „Menschliche Schwangerschaften tun es. Doch aufgrund der bohnenähnlichen Form von Ogerkindern sollte da alles ziemlich gut flutschen. Im wahrsten Sinne des Wortes, möchte ich dazusagen.“ „W-Woher kennst du dich überhaupt mit sowas aus?!“ fragt sie den bärtigen Mann erbost. Da wird dieser ganz rot um die Backen, blickt fröhlich nach links und rechts, ob ihn einer belauscht, flüstert: „Ich habe zuhause eine Ogerdame als Frau“ und kichert. „Diese hat mir viel erzählt. Daher kenne ich mich relativ gut in diesem Gebiet aus.“ „Ich… verstehe. Glück…wunsch.“ „Danke, aber darum soll es nun nicht gehen. Mein Soll habe ich erfüllt. Im Laufe des Tages – du weißt sicherlich schon Bescheid. Gibt es noch irgendwelche Fragen?“ Noch immer in den Armen ihres Mannes dreht sich Ryori Zorkan zum Druiden um. „J-Ja. Wie viele Kinder sind es denn nun?“ „Soll ich die Überraschung also wirklich vorwegnehmen?“ „Ich meine. Man muss sich schon ein bisschen darauf einstellen können, was Nahrung, Kleidung und weiteres angeht“ spricht der Oger. „Das ist ein fairer Punkt.“ „Es sind vier Kinder. Oder? Das ist zwar unbeschreiblich viel, aber irgendwie noch machbar… Glaube ich… Hoffe ich.“ Doch der ältere Herr schweigt. „Machen sie mir keine Angst!“ „Es sind sowieso nie mehr wie vier“ spricht der Oger und ergänzt: „Nur in wirklich seltenen Fällen.“ „Dann sollten sie wohl öfters beim Glücksspiel mitmachen, denn sie bekommen sechs Kinder.“ Da macht sogar der Oger große Augen und spürt Ryoris schnellen Herzschlag. Vorsichtig setzt er sie zu Boden. „Übrigens. Zu meiner eigenen Sicherheit: Das war nur ein Scherz. Glücksspiel ist nie gut.“ „Das war mir schon klar.“ „Dennoch muss ich das erwähnen. Sie wissen ja, wie das heutzutage so ist.“

Total geschockt gibt Ryori kein Wort mehr von sich. Sechs Kinder? Sie bringt noch heute – bei ihrer allerersten Schwangerschaft – gleich sechs Oger Kinder auf die Welt? Wenn es stimmt, was der alte Herr sagte, sollte es kein bisschen wehtun. Dennoch ist sie überwältigt. So viele verschiedene Gefühle, die sie erst einmal zuordnen muss. Doch wovor hat sie eigentlich Angst? Vor den Schmerzen, die es gar nicht geben sollte? Davor, was die anderen sagen und denken werden? Denn sie weiß doch genau, was für gute Menschen ihre Freunde sind. Sie sprachen ihr die innigsten Glückwünsche aus. Hat sie Angst vor der Veränderung? Doch Veränderung gab es schon immer. Alleine über die letzten Wochen hat sich ihr Leben mehr verändert, wie das jedes anderen Menschen. Wovor hat sie also Angst? Dieses kribbelnde Gefühl in ihrem tiefsten Inneren. Oder ist das gar keine Angst? Dieses Gefühl, welches sie fast schon beflügelt. Und wieso muss sie grinsen? Nein, das ist gar keine Angst. Ganz und gar nicht. Wie konnte sie das die ganze Zeit über nur so falsch deuten? Es ist die Freude. Die Freude, endlich ein lebenslanges Ziel zu erfüllen. Sie kann ihr breites Schmunzeln nicht verkneifen und muss vor Freude fast lachen. Über den Umschwung ist der Oger sehr verwundert. „Alles in Ordnung?“ fragt er und sie nickt. „Alles bestens. Das hat wirklich gut getan, endlich Bescheid zu wissen. Und Gott, ich freue mich so sehr.“ „Wirklich? Aber ich dachte, du-“ „Ich war eher überrascht und überfordert. Aber allmählich sinkt alles ein, ich konnte mir klarere Gedanken machen und bin auf den Entschluss gekommen, dass ich total aufgeregt bin. Aber im positiven Sinne. Sechs Kinder? Vielleicht hat es das Schicksal wirklich gut mit uns gemeint. Und auch ihnen danke ich sehr.“ Da lacht der Druide. „Keinen Grund des Dankes. Ich erfülle nur meinen Job. Nun ruh dich aus, kleines. Du hast viel vor dir.“ Da grinst sie, nickt und läuft vor. Der Oger bezahlt währenddessen den magischen Herr und dankt ihm ebenfalls. „Wieder: Kein Grund zum Dank. Wenn jemand danken sollte, dann wohl ich. Es kommen selten Leute vorbei. Noch seltener so interessante und gute Leute, wie ihr.“ „Wenn es die Zeit denn mal erlaubt, können wir gerne nochmals kommen.“ „Das wäre schön. Schauen wir, was der Lauf der Dinge so für uns bereithält.“

Sie geben sich die Hand und verabschieden sich. Draußen wartet Ryori bereits, die ohne eine Sekunde des Zögerns hochgehoben wird und einen Kuss bekommt. Noch immer ist sie am grinsen, da fragt er sie, ob sie sich echt so sehr freuen würde. „Natürlich! Ich werde Mutter! Ich werde Mutter von sechs Kindern!“ „Und das ist erst der Anfang“ ergänzt er und läuft los. Mit Ryori auf der Schulter, die sich an ihn heranschmiegt, läuft er denselben Weg zurück, den sie hergelaufen sind. Schon jetzt glaubt er, spüren zu können, dass ihr Gewicht zugenommen hat. Kein Wunder bei sechs Kindern und so einem prallen Bauch. Auch fragt er sich, ob sie das überhaupt überlebt hätte. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es war jedenfalls die richtige Entscheidung, zum Druiden zu gehen. „Gehen wir zum Turnier zurück? Oder gleich nach Hause?“ „Zum Turnier“ sagt er. „Da warten Johanna und Aelyn noch auf uns und Yoru und Sui sollen auch noch zurückkehren. Apropos. Sui sagte, sie erledigen eventuell einen Auftrag. Richtig?“ „Ich glaube schon – ja.“ „Dann sollten sie tatsächlich langsam wieder zurückkehren, glaube ich. Was sie gerade wohl so tun?“

Nichts, was der Rede wert ist, möchte man meinen. Sie laufen noch immer, können schon die Hügel sehen. Zumindest glauben sie, dass es sich bei diesen Hängen um die Hügel handeln. Sie befinden sich in einem Wald und sehen vor lauter Bäumen fast nichts. Gute fünf Meter weit können sie schauen. Stellenweise etwas weiter, wenn sie mal eine kleine Lichtung finden. Plötzlich hören sie leise Piepsgeräusche. „Sind sie das?“ fragt Yoru. „Ich… denke schon.“ Da laufen sie langsam weiter, schauen sich um und sehen Wölfe, die beim Essen sind. Sofort bleiben sie stehen. So leise wie möglich beugt sich Sui an Yorus Ohr und flüstert: „Was sollen wir tun? Töten oder gehen?“ Da schüttelt er nur rapide den Kopf, beugt sich vorsichtig, legt die Hand aufs Gras und lässt dieses so umformen, dass es wächst und die wilden Tiere umklammert. Da greift er nach Suis Hand und rennt vor. Diese blickt einmal geschwind zu den Wölfen hin und sieht kleine Tiere vor diesen liegen, die diese am verzehren waren. Und als sie oben auf dem Hügel ankommen, sagt Sui nervös: „Hätten wir die Wölfe nicht lieber erlegen sollen? Was, wenn sie uns suchen und aus dem Hinterhalt erwischen?“ „Ich… weiß nicht. Sollen wir ständig wilde Tiere töten?“ „Wenn sie uns töten würden – ja. Und das sind blutrünstige Wölfe. Ich glaube auch, dass die sich bereits um unser Problem gekümmert haben. Hast du auch die kleinen, pelzigen Dinger gesehen, die vor ihnen lagen? Rot gefärbt und regungslos? Das waren diese Mi-… Ma-…“ „Masseln?“ „Masseln! Genau! Sollen wir einfach gehen und sagen, die Wölfe haben die schon gegessen?“ „Ich meine. Das könnten wir tun – ja. Aber dann sind doch die Bauern in Gefahr, die die Äpfel ernten wollen. Gehen wir zurück, erlegen die Wölfe und werden die restlichen Masseln los.“

„Das klingt nach ’nem Plan!“ meint Sui und dreht sich um, als sie aufschreit und zurückspringt. Denn zwei Wölfe haben sich tatsächlich an die Geschwister herangeschlichen. Einer springt direkt auf Sui zu, da schleudert Yoru ihn mit einem Windstrahl den Hügel herab. Sie können noch hören, wie sein Körper auf den Boden prallt, wo er regungslos liegen bleibt. Der andere Wolf hat es auf den Jungen abgesehen und tritt vorsichtig näher, als jener die Hand auf das knurrende Tier richtet und ein spitzes Projektil – ein Stachel – entsteht. Erst die Spitze, die nach hinten wächst und auf das Monster zufliegt. Doch beim Aufprall zerbricht der Stachel und das unbegeisterte Tier springt auch ihn an, da friert Sui es ein. Mit den Zähnen nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt blickt Yoru nervös zu seiner Schwester. „Ich danke dir tausend Mal und gebe dir als Dank was auch immer du möchtest. Heilige Scheiße, das hätte das Ende sein können.“ Seine Stimme zittrig. Er atmet tief aus, schließt die Augen und versucht sich zu entspannen. „Brauchst du Hilfe? Soll ich den Wolf kurz hochheben oder umkippen?“ „Ja, das wäre echt nett.“ Da legt sie die Hände unter das Tier, packt an und kippt ihn um, damit Yoru problemlos aufstehen kann. Das erste, was er tut ist, seine Schwester zu umarmen und ihr erneut Dank auszusprechen. „Echt nicht der Rede wert. Was würde ich denn ohne dich tun? Das wäre ja unvorstellbar. Da kann ich nicht anders, als mein Bestes zu geben, dass du am Leben bleibst.“ Die Umarmung hält noch ein bisschen, als sie zum eigentlichen Thema zurückkehren und Yoru meint: „Das sind ja jetzt wohl die Wölfe gewesen, die wir eingefangen hatten. Dann haben wir die Wolfplage erstmal erledigt und sollten jetzt noch die Masseln loswerden. Danach können die Bauern sich wieder ihren Äpfeln widmen und wir haben ein bisschen Gewinn gemacht.“ „Schauen wir zur Sicherheit lieber, ob das dieselben Wölfe waren. Ich wüsste nämlich nicht, wie die sich befreit haben sollen.“ „Guter Punkt. Schauen wir erstmal nach.“

Sie laufen den Hang herab und sehen schon nach wenigen Schritten, dass die eigentlichen, gefangenen Wölfe noch immer am Boden liegen, von langen Grasranken umrungen. „Verdammt. Dann gibt es hier eventuell also doch noch mehr Wölfe, als nur die zwei. Aber diese hier müssten wir zu unserer eigenen Sicherheit erlegen.“ Er will es kurz und schmerzlos machen und verschießt zwei Eisennadeln. „Wann hast du das gelernt?“ fragt Sui. „Wenn man sich mal ein wenig mit Magie und Nadeln auskennt, kann man einiges Zusammenmischen und interessante Ergebnisse erzielen.“ „Also wenn ich Geschwindigkeit und Nadeln vermische, habe ich blitzschnelle Nadeln?“ „Könnte tatsächlich der Fall sein.“ „Das probiere ich nachher mal aus. Jetzt sollten wir die kleinen, pelzigen Tiere loswerden, schauen, ob wir auf noch mehr Wölfe stoßen und auf dem Rückweg könnten wir dann etwas herumexperimentieren.“

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