Sünde Kapitel 192 – Fünf Tode

„Jetzt, wo es ja wirklich stimmt und kein Scherz gewesen zu sein scheint: Wie fühlt sich das so an, als plötzlicher Anführer einer Gruppe? Großer Druck bei den ganzen Leben, die auf dem Spiel stehen?“ fragt Marie Zorkan, während der Rest zu Ende isst.

Zorkan schüttelt den Kopf. „Es fühlt sich kaum anders an.“ „Echt? Gar nicht?“ „Nein. Ich habe gestern dieselben Entscheidungen getroffen, wie heute auch. Und die Tage zuvor.“ „Nur mit dem Unterschied, dass jetzt jeder auf dich hört?“ „Nein. Nicht alles was ich sage, muss stimmen. Jeder macht Fehler. Und wenn ich einen mache, soll man mir widersprechen, anstatt blindlinks zu folgen.“ „Und für dich? Ist das nicht komisch?“ fragt Rikko Yoru leise, der erwidert: „Na ja… Viel hat sich eigentlich nicht geändert.“ „Außer, dass jetzt einer mehr zu sagen hat, als der Rest“ sagt Jonathan. „Einer, der glücklicherweise auch mehr Erfahrung hat“ ergänzt Fray. Dann fragt Marie: „Und wenn ihr euch mal nicht einig seid?“ „Dann diskutieren wir.“ „Sowas gab es früher auch schon“ merkt Yoru an. „Ist das nicht ungewohnt, plötzlich so viele Entscheidungen für so viele Leute zu treffen?“ „Nein. Früher war ich Anführer einer kleinen Ogergruppe. Das hier ist… nicht wirklich anders.“ „Hey!“ sagt Ryori spaßig erbost. „Was denn? Ist es so schlimm, ein Oger zu sein?“ „N-Nein. Das hab ich nicht gemeint.“ „Das hoffe ich. Aber ehrlich gesagt: In der Hinsicht hat sich nicht viel verändert.“

Rikko fragt: „Und was macht ein Anführer bei euch überhaupt den ganzen Tag?“ Zorkan zählt auf: „Reiseroute. Vorräte. Geld. Schlafplätze. Risiken. Aufträge. Wetter. Fluchtwege.“ Kurze Stille. Dann murmelt Marie: „Ich dachte, der sagt einfach nur, wo es langgeht.“ „Das wäre der einfachste Teil.“ „Und merkt man schon einen Unterschied?“ interessiert Marie. Sui nickt als Erste. „Schon. Vor allem fühlen sich Entscheidungen irgendwie… sicherer an.“ „In welchem Sinne?“ fragt Rikko. „Früher haben wir manchmal länger überlegt. Dann war nie klar, welche Entscheidung die beste ist und selbst, als man sich einig war, war nie ganz klar, ob das denn jetzt die beste Lösung gewesen ist. Mittlerweile sagt Zorkan einfach: ‚Wir machen das.‘ Und wegen seiner Erfahrung fühlt sich sein Urteil durchdachter und sicherer an.“ „Ja. Das ergibt Sinn, denke ich.“

„Außerdem war ich gestern bei einer Sache enorm überrascht“ sagt Fozra. „Was denn?“ interessiert Sui. „Wie selbstverständlich Zorkan die Aufträge sortiert hat. Er hat die gefährlichen sofort erkannt. Und auch die, die für uns eher ungeeignet gewesen wären – aufgrund von Zeit oder der Gruppengröße. Darüber habe ich vorher ehrlich gesagt nie nachgedacht.“ „Stimmt.“ Und auch Illya nickt und sagt ruhig: „Mir ist erst gestern aufgefallen, wie angenehm das eigentlich ist, wenn jemand vorher schon weiß, worauf man selber achten soll und was einen ungefähr erwartet.“ „Dann geht man ganz anders an die Sache heran, macht sich mehr Gedanken und geht auch schon die Dinge im Kopf durch, die vielleicht schiefgehen könnten.“ „Und genau so erledigt man Aufträge am besten“ sagt der Ogeranführer, da nicken die Feen und Marie staunt. „Ihr habt ja dann echt Glück gehabt, ihn zu treffen. Er als Anführer – das scheint extrem gut zu funktionieren.“ „Tut es“ sagt Akio, meint allerdings dazu: „Bislang haben wir bloß nicht so viel davon mitbekommen. Yoru, Sui, Ryori und Illya, Fray und Fozra hingegen, mit denen er gestern eher unterwegs war, diese sind komplett begeistert. Irgendwas muss also dran sein. Und auch die Erzählungen klingen nicht ohne. Leben Retten und mehrere Aufträge im Kopf durchgehen, analysieren und vergleichen. So viel Gehirnleistung hätte ich nicht einmal.“

Plötzlich betritt eine Gruppe an Männern das Gasthaus. Einer von ihnen wirkt schwer verletzt. Der Mann hinter dem Tresen, der sich zuvor mit dem Dunkelelfen unterhalten hatte, fragt entsetzt: „Mein Herr! Was ist euch zugestoßen?“ „Ein Gryph im Hilmoga Tal! Wollten dort erkunden, Schätze suchen. Die dort heimischen Tempelruinen verbergen mehr, als man zunächst meinen möchte. Doch dann kam dieses Biest aus dem Himmel. Wir waren neun Leute. Fünf wurden getötet. Ich wäre der sechste gewesen. Aber Vyrolia hat es gut mit mir gemeint.“ „Ja, wahrlich… Einmal einer, der die Vyrolia zu schätzen weiß. Ihr braucht ein Zimmer, ja? Zum Versorgen?“ „Genau“ sagt einer der anderen drei Männer. „Dann geht hoch. Ums Geld kümmern wir uns später. Hier der Schlüssel. Zimmer ‚211‘.“ So eilen sie zu den Treppen und Illya fragt Yoru: „Im Hilmoga Tal waren wir doch erst gestern, nicht?“ „Genau. Mit der Kirchenruine, unter welcher Harpyien und der Gryph hausen sollten.“ „Und der Monsterjäger sagte, er wollte sie erlegen…“ „Dann hat er es wohl nicht geschafft“ vermutet Jonathan. Einer der Männer hört Stellen des Gesprächs mit und sagt zu seinen Kammeraden, sie sollen schon einmal ohne ihn hinaufgehen. Denn begibt er sich zum Tisch in der Ecke und fragt: „Ihr wart gestern im Tal?“ „Nur wir beide“ sagt Yoru und zeigt auf Illya. „Und da war ein Monsterjäger?“ „Genau.“

Er fasst sich an den Kopf. „Bin fassungslos. Dann hat dieser Mann vermutlich das Weibchen umgebracht.“ „Weibchen?“ fragen Yoru und Illya und Zorkan fragt: „War der Gryph überaus aggressiv?“ „Mehr als nur ‚überaus‘. Das war der wildeste Gryph, den ich jemals zu Gesicht bekam.“ „Dann wurde sein Weibchen umgebracht.“ „So sieht es aus. Kennst dich aus, Großer.“ „Tue ich. Habt ihr ein Todes Weibchen gefunden?“ „Nein. Waren kaum angekommen, da schrei das Biest und kam aus den Wolken geflogen. Packte einen an den Schultern und flog los. Den sehen wir niemals wieder. Wir ließen aber nicht ab, gingen weiter. Dann kam das Monster ein zweites Mal und erlegte gleich zwei unserer Leute… Der Rest ist unwichtig. Von einem Weibchen keine Spur. Nicht einmal von irgendwelchen Ruinen, von denen es dort einige geben soll.“ Und Yoru fragt sich derweil, ob das denn derselbe Gryph ist, den Viona und er umgebracht haben. Oder noch schlimmer: Ob es das Weibchen war, welches sie getötet haben und ob es nun ihre Schuld ist, dass der zweite Gryph so außer sich vor Wut ist.

„Sagt mal. Wer seid ihr eigentlich?“ „Abenteurer. Genau genommen Söldner. Haben von einer besonderen Waffe gehört, die dort in den Ruinen liegen soll. Diese wollten wir finden.“ „Ihr erzählt ganz schön viel“ sagt Zorkan. „Und?“ „Das ist suspekt.“ „Ihr seid schlauer, als ihr ausseht. Ich komme zum Punkt. Wir werden gut bezahlt, wenn wir diese Waffe finden. Jetzt sind alle tot oder trauen sich nicht mehr. Aber ich lasse nicht so einfach locker. Würde das Geld mit euch aufteilen. Ihr seid zwar mehr, aber die Info gibt es von mir. Daher behalte ich einen Großteil ein.“ „Von wie viel reden wir hier? Wenn es sich nicht lohnt, sind wir raus.“ „Bedeutet, ihr wärt prinzipiell dabei. Das allein reicht schon aus. Hört. Waren neun Leute, sollten also durch neun rechnen. Sind jetzt eben… fünfzehn.“ „Wir drei sind nicht dabei. Wir sind nur Freunde, die gerade etwas essen.“ „Umso besser. Zwölf anstatt neun. Der Kerl muss eben etwas mehr springen lassen, als gedacht. Nicht viel. Weigert er sich, behalten wir diese ach so besondere Waffe.“

Zorkan am Überlegen. Normalerweise hätte er ein solches Angebot nicht angenommen. Doch nun, nachdem Sui darum bat, abenteuerlustiger zu werden, macht er sich Gedanken darüber. Was könnte schiefgehen? Vieles. Es ist eine der tödlichsten Monsterarten überhaupt. „Wie gedenkt ihr, vorzugehen? Zu verhindern, dass wieder eine Person nach der anderen Gefangen und getötet wird?“ Darauf weiß der Fremde nicht zu antworten. „Kann es denn sein, dass ihr es selbst nicht wisst?“ „Hört! Normalerweise wäre diese Bestie keine Gefahr. Normalerweise! Doch jetzt ist dieser Gryph so aggressiv, wie niemals zuvor. Voller Rage stürzt er sich auf alles, was er sieht. Da funktionieren rationalisierte Pläne nicht länger. Dem Verstand zu folgen ist hier sinnlos. Das Biest muss mit allem attackiert werden, was uns zur Verfügung steht.“ „Und doch ist ein Sieg nicht gewiss. Es tut mir leid, aber das Risiko ist zu hoch.“ Da sagt der Fremde nichts mehr und begibt sich die Treppen hinauf. Der Rest der Gruppe ist mit dem Frühstück fertig. Es kommt schon ein Mann und holt die Teller ab.

„Gut entschieden“ murmelt Yoru. „Danke. Neugierig wäre ich… Aber wie wollen wir gegen ein geflügeltes Monster ankommen? Unvorstellbar. Selber müsste man Flügel tragen. Doch auch dann wäre es noch unvorstellbar.“ Flügel? Das ganze Sprechen über Flügel erinnert den Jungen an etwas. An die geflügelten Figuren – die Engel -, die sich ihnen in den Weg gestellt hatten. Als Jaster mit dabei war und ein Kampf drohte. Das ganze war hier – in Yiruozog. Und doch hörte man niemals wieder von ihnen. Dasselbe gilt für den Todesraben. Es war wohl wirklich Jaster, der durch die Straßen zog und die jungen Mädchen tötete. Ein überaus unbehaglicher Gedanke. Und wo Jaster steckt, kann Yoru erst recht nicht ahnen. Überall könnte dieser sein, doch ist er im Moment in einer dunklen Höhle voller Leichen.

Aus jenen Leichen wachsen Wurzeln, Äste, Blätter und Früchte. Die Wurzeln versperren den Weg in die Tiefe. Dort unten sollen die Erze schlummern, aber möglicherweise auch das Miasma, welches die Leute erkrankt hat. Der Narr greift hinter sich und zieht die Sense hervor und Kauzo fragt: „Wo holst du eigentlich ständig diese ganzen Gegenstände her? Greifst in die Leere und siehe da: Eine Sense. Wie ist das möglich?“ „Dimensionstaschen. Kleine Löcher an einen anderen Ort. Eine winzige Abstellkammer, in der sich, in meinem Fall, Waffen, Lebensmittel und Kleider befinden.“ „Kleider? Hast du je etwas anderes getragen, als das hier?“ „Grüne Jacken und lilafarbene Shirts. Jeden Tag ein anderes.“ Da atmet Kauzo tief und fassungslos aus und sagt nichts mehr. Jaster nutzt den Moment, setzt die Sensenspitze an den Wurzeln an, findet einen Weg hindurch und zerreißt sie mit einem Schwung. Der neu geebnete Weg wird sogleich begangen. Vorsichtig in die Tiefe, da hält Jaster einen kleinen Goldteller mit Henkel. Obendrauf eine brennende Kerze. „Das hast du auch in dieser Dimensionstasche?“ „Natürlich. Für Momente wie diese. Jetzt achte lieber auf unsere Umgebung. Siehst du Miasma, dann schreit‘ nicht weiter voran.“ „So weit konnte ich auch schon denken.“ „War kein Vorwurf, sondern nur ein Rat.

Schritt für Schritt in die Tiefe. Kein Klimpern mehr. Nur gelegentliches Tropfen, welches hallt. Die hölzernen Stufen herab, bis sie ganz unten angekommen sind. Nun ein großer Hohlraum voller unebener Wände und Pfeiler, die alles tragen. „Kein Erz mehr. Damit konnte man aber schon rechnen… Jetzt die Frage, ob wir hier alles in die Luft sprengen, oder weiter hinten.

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