Sünde Kapitel 200 – Pferde

Zorkan und seine Gruppe fahren zum Hilmoga Tal. Die Freunde unterhalten sich auf den beiden hinteren Bänken und vorne sitzen Sui und Ryori an der Seite des Ogers. Beide an ihn gekuschelt. Sie reden über die Veränderungen des Alltags, bis Ryori anspricht, wie stark und wie selbstverständlich sich Sui mittlerweile schon an Zorkan hält. „Die Entwicklung ist irgendwie interessant. Dass das alles aus dem Nichts kam, meine ich. Nicht mal bei Yoru bist du früher so anhänglich gewesen. Oder?“ „Nicht wirklich, nein. Da hätte ich es mir vielleicht manchmal gewünscht… Wobei ich eigentlich auch gut alleine zurechtkomme. Trotzdem ist das Gefühl schön, gehütet zu werden. Bei Yoru kam es aber nie wirklich dazu. Er war vermutlich selbst stets auf der Suche. Bei Zorkan muss ich nicht suchen, da habe ich dieses Gefühl schon längst gefunden. Das ist der Unterschied, denke ich.“ Zorkan sagt: „Dann scheint meine Arbeit ja zu funktionieren. Wenn ihr euch sicher fühlt, dann habe ich bisher wohl nicht allzu viel falsch gemacht.“

Sui grinst. „Im Gegenteil. Bislang läuft alles richtig.“ Sie schließt leicht die Augen und rutscht etwas herab, da spürt sie etwas, was ihr Interesse weckt und schaut genauer darauf. Eine tiefe Narbe am Arm, die ihr zuvor nie sonderlich aufgefallen ist. „Wo kommt die denn her?“ fragt sie. Da schaut er und sagt: „Ach. Die war von einem Banditenkampf.“ „Eins gegen eins?“ fragt Sui. „Elf gegen zwei. Wobei wir nur zur selben Zeit am selben Ort waren. Eine ältere Dame, die natürlich nicht viel ausrichten konnte. Es war eigentlich gar nicht schwer, zu gewinnen. Keiner von ihnen konnte Magie einsetzen. Wenn doch, wäre ich heute bestimmt nicht mehr hier. Und wenn ich mich richtig erinnere,… dann stammt diese Narbe von einem Großschwerthieb. Ja, ziemlich sicher. Ich weiß noch, wie das Blut ununterbrochen floss und ich die Wunde stark zuknoten musste.“ „Wann war das ungefähr?“ „Vor guten fünf Jahren, schätze ich.“ „So lange schon? In Yiruozog?“ „Genau. Ich war nur äußerst selten in anderen Städten. Mal in Marya, mal in Haegrar und generell drumherum. Apropos Haegrar. Da müssten wir definitiv einmal vorbeischauen. Am besten für ein paar Tage. Viele Geschäfte, viele Lokale, ein doch überraschend freundlicher Adel und ein paar Bekannte von früher. Das ist die vielleicht größte Stadt, die ich je besucht habe. Zieht sich über einige sanfte Hügel und Abbruchkanten. Zentral ein größerer Hügel, auf dem auch das gigantische Schloss steht. Drumherum sechs Türme. Alle etwas weiter weg. Und jeder Turm ist per Brücke mit dem Schloss verbunden. Die Brücken sind teilweise mehrere hunderte Meter lang. Dann gibt es dort noch schöne Seen und generell viel Grün. Häuser aus Steinen, Ziegeln oder Lehmputz. Manche mit Holzbalken verstärkt und alle Dächer schön Ziegelrot. Das ist nochmals ein netterer Anblick, als Yiruozog.“ „Klingt zumindest schon echt schön.“ „Vor allem die Stimmung ist dort etwas besonderes. Es ist eine Handelsstadt. Überall vollbeladene Kutschen, Stände, große Felder, Windmühlen – und alle helfen einander. Nicht fern liegen große Gebirge, in denen es von Monstern wimmelt. Die Abenteurergilde wird also gut besucht und hält immer was für einen bereit.“ „Jetzt kriege ich voll Lust, dort hinzugehen, anstatt nach Dontraddon.“ „Früher oder später kommen wir dort vorbei. Vielleicht ja schon in zwei bis drei Tagen… Wir haben jetzt übrigens das meiste hinter uns gelassen. Nur noch geradeaus weiter. Dann sind wir da. Das sollte aber immer noch eine Viertelstunde dauern.“ „Dann redet man solange noch ein bisschen.“

Sui überlegt. Aber auf Zwang fällt ihr kein gutes Thema ein. Da schaut sie zu Ryori rüber, doch diese sitzt mit starrem Blick zur Straße gerichtet da. „Ist alles okay?“ fragt sie sie, da meint das Mädchen links vom Oger: „Ja. Ich bin nur etwas müde… Viel passiert, in den letzten Tagen.“ „Das glaube ich dir. Wie du schon sagtest: Das ging total schnell. Der alte Alltag ist irgendwie… Geschichte.“ „Vielleicht auch besser so“ sagt Zorkan, da fragt Sui: „Warum das?“ „Warum nicht? Früher ist früher und heute ist heute. Worauf es ankommt, ist das Hier und Jetzt.“ „Ja, das mag sein… Vieles läuft ja auch besser, als zuvor. Also hast du eigentlich recht.“ Da nickt Zorkan zufrieden und meint: „Es ist in Ordnung, gelegentlich an die früheren Tage zu erinnern. Aber uns stehen noch deutlich bessere bevor. Tage, die euch bald die alten vergessen lassen.“ „Hm? Wieso das?“ „Weil ich möchte, dass das Heute das Gestern in jeder Hinsicht übertrifft.“

Hinten sitzen Yoru und Johanna und unterhalten sich noch immer über Dontraddon, als das Thema langsam sein Ende findet und die Hexe fragt: „Bereust du es eigentlich?“ Eine unerwartete Frage zu einem unerwarteten Thema. Um sicherzugehen, dass er die Frage richtig versteht, hakt er nach. „Was denn genau?“ „Du weißt schon. Dass er jetzt der Anführer ist. Und dass du alles so einfach übergeben hast.“ „Wie ich schon heute morgen sagte: So, wie es jetzt ist, ist es besser.“ „Das war aber nicht die Frage. Die Frage war, ob es dir anders lieber wäre.“ Da schweigt er kurz und überlegt, bis er antwortet: „Manchmal.“ „Manchmal?“ fragt sie verwundert. „Kommt es auf die Tage und die Stunden und den Mondstand an, oder wie darf ich das verstehen?“ „So übertrieben jetzt auch wieder nicht. Es kommt eben ganz darauf an. Es ist nicht wirklich das Führen, was ich vermisse. Wir können jetzt immer noch alle unseren Senf zu bestimmten Themen geben. Daran hat sich wenig verändert. Es ist generell… dass er da ist. Zeigt, was falsch lief. Zeigt, wie man es besser macht und die ganze Aufmerksamkeit auf ihn zieht. Das Anführersein ändert wenig daran.“ „Es legt den Fokus mehr auf ihn.“ „Stimmt. Aber das ist eben nicht wirklich etwas schlechtes. Zumindest nicht für die meisten der Gruppe.“ „Und wenn es für dich was schlechtes ist? Dann zählt das doch trotzdem, oder nicht?“

Er zögert. „Vielleicht sollte man einfach mal ein paar Tage vergehen lassen und sich langsam umgewöhnen. Und dann sieht man, ob man die Dinge immer noch so ernst nimmt, oder ob es einfach die schnelle Veränderung war, die einem Sorgen bereitet hat.“ „Wie du meinst… Weißt du, wie lange wir noch in etwa brauchen?“ „Sehr gute Frage.“ Er beugt sich etwas nach links und sieht die lange Straße entlang. Irgendwo weit hinten ist das Tal. „Vielleicht noch gute zehn Minuten?“ „Oh, das geht aber. Ich habe mehr befürchtet.“

Plötzlich ertönt mehrfach ein lautes Klacken hinter ihnen, das immer lauter wird. Es ist die andere Gruppe. Die Gruppe Josah, Maxeo, Amelia, Maya, Harvel und Nui. Jeder auf einem Pferd, das geschwind an der Kutsche vorbeireitet. Während des Vorbeireitens sagt Sui laut: „Wir brauchen auch eigene Pferde! Das wäre ja so cool!“ Und Akio stimmt zu. „Ich hab damals selber mal geritten und das kann extrem viel Spaß machen. Außerdem bringt es einen schnell an sein Ziel.“ „Aber elf Pferde auf einmal zu halten wird sehr anstrengend“ befürchtet Zorkan und bleibt realistisch. „Jedes einzelne davon müsste man füttern. Jedes mal müsste man einen Abstellplatz finden. Man müsste erst einmal das Reiten lernen und je nach Körper hat man vielleicht gar nicht die Möglichkeit dazu.“ Dann hat Yoru einen Einfall und sagt: „Was, wenn sich nur zwei oder drei Leute Pferde zulegen, die auch ganz arg Lust drauf haben, sich um diese kümmern und alleine auf kleine Reisen gehen können? Die vielleicht vor allen anderen zur nächsten Stadt reiten und schon mal berichten können, worauf man sich einzustellen hat, die bestimmte Aufträge einfacher und schneller erreichen können, und so weiter.“

Da glänzen Suis Augen, doch Zorkan glaubt: „Angenommen wir führen diese drei Reiter ein, welche alles schneller erledigen können, als der Rest: Was, wenn einer von ihnen vom Pferd stürzt? Irgendwo weit abseits, wo es keine Hilfe gibt?“ „Das ist eine weit hergeholte Argumentation. Was, wenn jemand von der Kutsche stürzt? Oder beim spazieren gehen abseits der Stadt?“ „Dann ist Hilfe in der Nähe.“ „Wir reden aber von drei Leuten. Stürzt eine Person, helfen die anderen beiden.“ „Das mag sein. Allerdings würde das die Gruppe spalten. Die Idee mit den Geldbeuteln war für Flexibilität und Freiheit. Wenn drei schneller sind, als der Rest, dann halten diese auch eher zusammen.“ „Und wie soll sich das im Alltag bemerkbar machen? Wenn wir gemeinsam laufen, laufen wir gemeinsam. Frühstücken tun wir ebenfalls gemeinsam. Zur Gilde gehen wir auch gemeinsam. Das wäre nur im Fall der Aufträge so. Aber da wolltest du doch sowieso schon, dass alle sich künftig aufteilen. Es würde also überhaupt nichts ändern. Höchstens, dass diese drei Personen alleine zur nächsten Stadt reisen können. Dann wäre die Kutsche nicht so voll, die Zugpferde vielleicht etwas schneller und man könnte derweil mit Brieftauben kommunizieren, sollte irgendetwas los sein. Zudem wären das vielleicht zwei oder drei Stunden maximum, die man voneinander getrennt sind. Dasselbe passiert auch so, wenn Leute am Abend verschiedenes vor haben. Oder in der Früh. Man könnte die Pferde auch verschieden nutzen. Vielleicht als Erweiterung für die Kutsche, damit sie schneller fährt. Und in der Stadt könnte man damit schneller von einem Ort zum anderen gelangen. Vielleicht um etwas einzukaufen oder um sich einmal bei den Waffen oder vielleicht sogar mal bei Tränken und Zauberläden umzusehen. Im Notfall, wenn es schnell gehen muss oder in der Früh, wenn man einfach mal ein bisschen in der Gegend herumkommen möchte.“

Zorkan denkt. „Wie viele von euch können tatsächlich schon reiten?“ Aelyn, die Feen, Akio und Yoru heben die Hände. „Du kannst reiten?“ fragt Sui ihren Bruder, der erwidert: „Du doch auch? Wir sind früher manchmal geritten. Das kam selten vor. Aber es lief immer relativ gut. Man kriegt da schnell ein Gespür führ.“ „Gut“ sagt Zorkan und denkt laut: „Prinzipiell kann ein Großteil der Gruppe reiten. Manche könnten sich Pferde teilen, dann wäre fast jeder bedient. Wenn tatsächlich ein Interesse besteht, dann soll es so sein. Überzeugt hat mich der Einfall, dass man die Pferde ansonsten als zusätzliche Zugpferde verwenden kann. Das ist ein genialer Einfall. Und für Momente wie diese hier – eine Notfallquest, bei der man den Zielpunkt relativ zeitnahe erreichen sollte, wären Pferde ebenfalls sehr sinnvoll. Das wird teuer, könnte sich aber lohnen, wenn genug Leute dafür sind.“ Er sagt nichts mehr und dreht sich kurz um. Erst nach kurzem Warten verstehen die Leute, was sie tun sollen und erheben die Hände. Jeder, der gerne ab und zu auf einem Pferd reiten würde. Yoru, Sui, Akio, Fray, Illya und Aelyn. Sechs Hände oben.

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